Rüschlikon bei Zürich
Hôtel Belvoir
18. Juni 1918
Lieber Freund, ich schreibe Ihnen heute auf Ihren lieben Brief hin, muss aber zuerst
mich verbeugen vor Ihrem ausgezeichneten novellistisch-satirischen Feuilleton
das in den zwei Gestalten den ganzen Contrast der Zeit gibt, ehe ich mich wieder Ihnen
Auge in Auge stelle und Ihnen die Hand drücke. Dank, dass Sie dem Stücke E. H. Jacobs
so herzlich entgegentraten – er schreibt Ihnen selbst in diesen Tagen. Ich will Ihnen
nun von mir erzählen. Ich lebe hier etwa in der Distanz Rodaun ~ Wien von Zürich,
in einem ganz einfachen Hôtel, arbeite und arbeite und ruhe mich von den Menschen aus.
Viel ist getan, viel in der Schmiede. Ich habe ein neues Stück in Arbeit, zeitgenössisch aber
nicht politisch, Prosa (da es einen Dichter zum Thema hat) eine sehr curiose Sache, in
der thematisch (ähnlich wie in Jean Cristophe Beethoven Wagner, Hugo Wolf ect) mehrere
Züge von grossen Künstlern und biografisches verarbeitet sind. Die Gefahr des Schlüssel-
stückes ist durch diese Vereinung disparater Züge überwunden – innerlich ist es ein
klarliniges Schauspiel, dem ich, so weit es sich jetzt ausschält, einige Kraft beimesse.
Aber noch zwei Monate mindestens Incubation. Dann übersetzte ich ein Stück, ende
meinen Dostojewski, schreibe einige kleine Studien, lege den Grund zu einem Buch über
Rolland, das nach dem Krieg vollendet und in mehreren Sprachen erscheinen soll. Dazu
noch die Feuilletons – Sie sehen, ich bin nicht müssig gewesen. Aber die drei Jahre
haben in mir eine grosse Kraft angehäuft und ich lasse mich nicht stören. Von
meinem „Jeremias“ höre ich insoferne Gutes als auch das 5. Tausend vergriffen ist und
jetzt vier oder fünf neue Tausend auf die Pfanne kommen, was bei der absoluten propagandistischen Untätigkeit des Inselverlags doch auf eine lebendige Wirkung deutet.
In Berlin hat es das neue Theater am Zoo mit einer grossen Tantiemengarantie er-
worben und contractlich als zweite Novität zugesichert, falls es nicht gegen die
eiserne Wand rennt, in Wien wird ja auch sich alles klären. So wäre ich recht zu
frieden, wäre nicht die Zeit und ihre Unsicherheit. Ich glaube, lieber Freund, wir
sind alte Generation geworden, jene (für die Jugend lächerlichen) Leute, die immer
Hôtel Belvoir
18. Juni 1918
Lieber Freund, ich schreibe Ihnen heute auf Ihren lieben Brief hin, muss aber zuerst
mich verbeugen vor Ihrem ausgezeichneten novellistisch-satirischen Feuilleton
das in den zwei Gestalten den ganzen Contrast der Zeit gibt, ehe ich mich wieder Ihnen
Auge in Auge stelle und Ihnen die Hand drücke. Dank, dass Sie dem Stücke E. H. Jacobs
so herzlich entgegentraten – er schreibt Ihnen selbst in diesen Tagen. Ich will Ihnen
nun von mir erzählen. Ich lebe hier etwa in der Distanz Rodaun ~ Wien von Zürich,
in einem ganz einfachen Hôtel, arbeite und arbeite und ruhe mich von den Menschen aus.
Viel ist getan, viel in der Schmiede. Ich habe ein neues Stück in Arbeit, zeitgenössisch aber
nicht politisch, Prosa (da es einen Dichter zum Thema hat) eine sehr curiose Sache, in
der thematisch (ähnlich wie in Jean Cristophe Beethoven Wagner, Hugo Wolf ect) mehrere
Züge von grossen Künstlern und biografisches verarbeitet sind. Die Gefahr des Schlüssel-
stückes ist durch diese Vereinung disparater Züge überwunden – innerlich ist es ein
klarliniges Schauspiel, dem ich, so weit es sich jetzt ausschält, einige Kraft beimesse.
Aber noch zwei Monate mindestens Incubation. Dann übersetzte ich ein Stück, ende
meinen Dostojewski, schreibe einige kleine Studien, lege den Grund zu einem Buch über
Rolland, das nach dem Krieg vollendet und in mehreren Sprachen erscheinen soll. Dazu
noch die Feuilletons – Sie sehen, ich bin nicht müssig gewesen. Aber die drei Jahre
haben in mir eine grosse Kraft angehäuft und ich lasse mich nicht stören. Von
meinem „Jeremias“ höre ich insoferne Gutes als auch das 5. Tausend vergriffen ist und
jetzt vier oder fünf neue Tausend auf die Pfanne kommen, was bei der absoluten propagandistischen Untätigkeit des Inselverlags doch auf eine lebendige Wirkung deutet.
In Berlin hat es das neue Theater am Zoo mit einer grossen Tantiemengarantie er-
worben und contractlich als zweite Novität zugesichert, falls es nicht gegen die
eiserne Wand rennt, in Wien wird ja auch sich alles klären. So wäre ich recht zu
frieden, wäre nicht die Zeit und ihre Unsicherheit. Ich glaube, lieber Freund, wir
sind alte Generation geworden, jene (für die Jugend lächerlichen) Leute, die immer