Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. o.O., 18.6.1918
erzählen werden, wie schön es noch zu den Zeiten war, da man reisen konnte
und ohne Kriegsgewinner zu sein, beim Sacher speisen. Ich ertappe mich ständig
dabei, dass ich nach rückwärts schaue und mir die Zukunft weg escamotiere: ich
freue mich (ausser auf den Frieden) höchst wenig auf sie und glaube, ich werde
eine Art Bücherwurm und Spiesser werden. Schon heute macht mir die Arbeit die
meiste Freude und das ist immer ein böses Zeichen. Ungern zu arbeiten war mir
immer der sicherste Beweis wie sehr ich das Leben liebte: eine Stunde am Schreib-
tisch war mir früher immer das Gefühl ungeheuren Verlustes an Abenteuer und
Genuss. Heute geht es mir fast umgekehrt. Vielleicht liegt es nur an der Zeit. Aber
ich glaube, ein gutes Spazierengehen und ein rechtes Reisen gibt es sobald nicht
wieder. Und dabei lebe ich im Lande der Freiheit (! von der Nähe gesehen, ist die
Freiheit hier gar nicht so frei und was die Gesetze durchlassen verbietet die Sitte.)
Aber ich hoffe ja, Sie werden Sich bald (im Herbst) diese Welt be-
sichtigen. Die entscheidende Besprechung habe ich noch nicht gehabt – ich warte
nämlich ab, gefragt zu werden und nicht zu drängen. Aber ich hoffe sehr! Und
vielleicht kann man noch eine andere Stadt anschliessen. Seide werden Sie da-
bei keine spinnen, da Sie aber die Fahrt bis an die Grenze umsonst haben, wird
es zumindest kein Deficit ergeben. Und ein Atemzug frischer Luft ist viel wert!
Ich hoffe Ihnen in 14 Tagen schon irgend Greifbareres schreiben zu können –
es kann aber auch länger dauern, Sie ahnen nicht von welcher Bedächtigkeit
Schweizer zu sein vermögen.
Grüssen Sie Ihre liebe Frau, nach der ich – verzeihen Sie, strenger
Gatte! – ein wenig Sehnsucht habe, sagen Sie ihr, dass ich, obzwohl Verfasser eines
Pessimistenstückes, voll Optimismus bin und ihr im Herbst Frieden mitbringe.
Grüssen Sie sonst niemanden, nur sich allein aber dies aufs herzlichste von
Ihrem aufrichtig ergebenen
StefanZweig