Zweig, Stefan: Brief an Josef Luitpold Stern. Wien, 4.11.1915
treffen ist, eine Unbestechlichkeit des Empfindens
aber die Tatsachen, den Sie gegenübergestellt wer
den sind doch von Woche zu Woche und von Mo-
nat zu Monat immer gewaltiger. Ich habe das Ge-
fühl, dass Sie jetzt aus der Distanz gar nicht
mehr den Anfang überschauen können – wer
inmitten ist mit seinem Gefühl, weiss das Gestern
nicht mehr.
Ich hoffe sehr, dass jetzt unten eine
längere Kampfpause eintritt und Sie den Win
ter ruhiger verbringen können. Wir denken oft
an Sie und ich speciell immer mit herzlicher
Anteilnahme. Unsere Gesinnungen sind ja so
sehr gleich und nur unsere Betätigung verschie
den: für Sie ist Alles schwerer, aber ich hoffe, Sie
haben sich in nichts verwandeln lassen. Nichts
ist notwendiger jetzt als Standhaftigkeit der Ge-
sinnung.
Leben Sie wohl, lieber Freund, und er-