Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. Salzburg, 3.1.1922
Salzburg, am 3. Jänner 1922.
Lieber Freund!
Ich habe sofort nach Erhalt Ihres Briefes Vater Bahr auf-
gesucht um seine Meinung zu erkunden. Vater Bahr lässt Ihnen per-
sönlich, wie ich Ihnen schon telegrafierte, vertraulich sagen,
dass er keinesfalls fahren werde. Er fürchtet sich vor den Kosten
die ihm dennoch erwachsen und ausserdem bei diesem Anlass Paris
nicht so zu sehen wie er wollte. Er will, sobald er die offiziel-
le Einladung bekommen, dann wegen Gesundheitsrücksichten absagen
und diese Mitteilung seiner Nichtreise ist zunächst eine vertrau-
liche an Sie. Wenn ich Ihnen nun lieber Freund, meine Ansicht
offen sagen soll, so finde ich das Verhalten Bahrs in dieser Sa-
che nicht recht nacahmenswert. Ich habe ihm nichts dreinzureden
finde es aber ziemlich seltsam, zuzusagen, Vorbereitungen machen
zu lassen, wenn man innerlich fest entschlossen ist nicht zu reisen
und ich glaube, dass er dadurch unsern Regierungsleuten einige
Verlegenheiten macht, bedeutend mehr als ich durch meine Absage
in der ersten Stunde. Ich mache Sie also aufmerksam, wenn man Ih-
nen amtlich sagt, Bahr würde reisen, man dort glaubt, auf seine Zu-
sage zählen zu können dass aber meine direkte negative Information an Sie die gül-
tigere ist. Ob Sie da allein gehen wollen, steht an Ihnen, zu ent-
scheiden: ich persönlich als Ihr Freund würde es Ihnen nicht an-
raten, erstlich weil Sie dadurch äusserst isoliert wären, zwei-
tens weil die andern (die von den Einzelheiten dieser leidigen
Affaire nicht unterrichtet sind) behaupten könnten, Sie seien