Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. o.O., 15.8.1918
Rüschlikon bei Zürich
Hôtel Belvoir
15. August 1918
Lieber Freund, ich wollte Ihnen schon lange schreiben, aber die Sache
mit Ihrem Vortrag zieht sich bedenklich hinaus: der Character der bie-
dern Langsamkeit zeitigt in allen Dingen eine Schwerfälligkeit des Ent-
schlusses, die für uns qualvoll ist. Ihr Vortrag ist ja jedenfalls gesichert,
nur Zeit, Ort und Form noch ungewiss. Ich hoffe ja im Herbst für einige Zeit
nach Wien zu kommen, obwohl ich dagegen auch Bedenken habe - ich bin
ja seit Jahren jetzt in ewiger Ungewissheit. Die Schweizer Zeit hat ja verschie-
denes Gute für mich gebracht - Ruhe zur Arbeit vor allem, Sorglosigkeit in
Nahrung, aber andrerseits habe ich hinter mir und unerreichbar mein ganzes
zweites Leben, meine Bücher, Manuscripte, Notizen, Haus und Wohnung. Ich war
schon so sehnsüchtig nach Jahren der Wanderschaft mich einmal abseits in ein Haus
setzen zu können, wie andere Menschen mein Leben zu leben, und muss jetzt
seit einem Jahr im Hotelzimmer vegetieren, Sand unter den Füssen und bis
zum Hals im Ungewissen. Paradoxie der Erscheinung: in Wien vergisst man
über den kleinen Verpflegungsnöten die tragischen Sorgen der Zeit, hier spürt man
die Weltdämmerung seelisch stärker und ich habe Tage, wo ich verzweifelt bin.
Lese ich aus Wien Telegramme und Dementis über den neuen Burgtheater-
director, so sehe ich, dass dort derlei noch Wichtigkeit hat. Ich stehe in so an-
dern grossen Entscheidungen des Gewissens, dass mich diese Eifrigkeit erbittert.
Gearbeitet habe ich viel. Ein Stück, eines übersetzt, Novellen, unzähli-
ge Aufsätze, Vorarbeiten zu einem Buche und alles dies, sammt einer Corres-
pondenz, mit der nakten Hand! Resultat ist im wesentlichen eine sehr star-
ke moralische Stellung - ein Aufsatz in der Neuen Zür. Zeitung z. B.
hat den ganzen Froschteich der Schweiz aufgeweckt, vierzehn Polemiken pro-