Berg, Alban: Briefe an Rudolf Kolisch. Wien, 24.10.1930
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Aber bei ihrem letzten in-Wien-Sein hat sie es besonders schlau angelegt.
Ich müsse Ihr unbedingt meine "Frühen Lieder" u.den Wozzeck vorspielen,sie
komme eigens zu mir.Ich mußte sie also einladen,weigerte mich aber zu spi
spielen,was ich ja nie täte.Trotzdem gelang es ihr,mich ans Klavier zu zwin-
gen,den "Wozzeck" durchzublättern (über den sie übrigens musikalisch sehr
kluge Sachen sagte) einmal ein Tempo anzugeben etc etc.
so daß sie jetzt bestimmt in Paris herumgeht u.erzählt, daß ich mit ihr
diese Opernpartie studiert hätte,was so viel heißt (obwohl das nie über meine
Lippen kam:)als daß sie die prädestinierte "Marie" wäre. -- -- -- -- -- --
Ja aber was soll man machen? wie kann man's verhindern? Von Stein (U.E.)
höre ich, daß Monteux das Pariser Erstaufführungsrecht der Bruchstücke erwor-
ben hat. Wie ist der?? Und glaubst Du,daß er eine Sängerin an der Hand hat,die
überhaupt eine Ahnung von solcher Musik hat,und vom(melodramatisch) Gesproche-
nen? Da ist dann am End' noch gar die Freund ohne Stimme besser als irgend
eine tepperte Opernsängerin mit ein paar schönen Tönen!
Was rätst Du mir? Ich wäre Dir schon sehr dankbar,wenn Du Dich dazu äußern
würdest!
Nach Paris komm ich jetzt ja doch nicht.Zu Neujahr erwischte
mich eine ungemein heftige Grippe;ich mußte meine Deutschlandreise absagen
u.werde froh sein,am 10.so gesund zu sein,nach London reisen zu können,Da ich
dort bis 17.bin,kann ich Euch also nicht mehr in Paris treffen u.fahre direkt
nach Haus!
In Wien ist es ja jetzt so schön! Seit auch hier die Hitlerleute
obenauf sind.Solltet Ihr je wieder hier spielen,würde ich Euch raten,
Prospekt mit umstehender Aufmachung drucken zu lassen.
(Folgt aufgeklebte Reklame,vier Männer mit Gemsbarthüten!)
Ein guter Zeichner hätte nur die Instrumente zu ergänzen,an dem Gesichts-
ausdruck wäre womöglich nichts zu ändern.--
Wasxsagst Du,daß Karl Kraus in der U.E. erscheint?
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(Folgt aufgeklebter Ausschnitt über das Rothschildquartett)
Und nun leb wohl.Schon' Dich um Gotteswillen;es ist ja unerhört
erfreulich.Eure kolossale Tätigkeit,aber bleib gesund! U.nochmals Dank für
die lyr.Suite.
Dein alter Berg.
Alles Liebe an Frau Josy.
Nach Marseille lasse ich biogr.Notiz schicken!