Felner, Karl von: Brief an Arthur Roessler. Berlin, 26.12.1914
KARL VON FELNER
BERLIN-WESTEND
LEISTIKOWSTRASSE 6
TEL. WILH. 4074
vorhanden sein; sonst ist alles handeln nichts weiter, als ein-
fache mechanische Brutalität: der russische und der englische
Kriegswille. Und diesen Willen zerstören: ist das nicht ein Akt
höchster Sittlichkeit? Und wenn der Einzelne dabei zugrunde geht:
darin liegt doch keine Tragik, sondern höchste Erfüllung der In-
dividualität: eins mit dem Ganzen werden. -
Von meiner Frau erhalte ich stets besser lautende Be-
richte; ich hoffe sie in längstens 14 Tagen hier zu haben. Viel-
leicht wars besser für sie, dass sie den traurigen Weihnachtsa-
bend nicht mit ansehen hat müssen. In Innsbruck allein zu sein
ist kaum schlimmer gewesen. Vielleicht habe ich für meine Person
den Masstab dafür verloren, denn die letzten vier Monate haben
arg an mir herumgezaust.
Und was Dich betrifft: Du wirst Dich schon heraus-
arbeiten, davon bin ich überzeugt! Wie schön wärs, wenn ich Dich
hier hätte. Denn ich bin sehr einsam. Die wenigen näheren Bekann-
ten sind alle irgendwie kriegsbeschäftigt, und die häuslischen
Angelegenheiten geben mir kaum Freiheit. Ich komme zu keinem Men-
schen und in kein Theater. Na, ein paar Wochen noch, und alles
soll wieder ins Geleise.
Grüß mir Deine Frau recht herzlich und Dich auch,
und nehmt meine besten Wünsche fürs kommende Jahr!
Dein
KF