Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 6.1.1923
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Pocht auch das Herz noch heiß und stark ,
Doch sind schon grau die Haare.
Bald ruhen wir - der Reim kläng' arg -
Verleumder sind die Haare!
Wir sind noch jung und jünger wohl,
Als Viele von der Jungen;
Die weißen Haare sind Symbol,
Des Lichtes Spiegelungen.
Ich bin Dir nah zu dieser Frist,
Doch möcht ich es auch hören,
Wie fröhlich Du gemuthet bist
Beim Hall von Freudenchören.
Ich möchte einmal Dich noch seh'n,
Eh mir vergeh'n die Jahre,
Wie schön die grünen Lorbeern steh'n
Zum Schmuck der weißen Haare!
Ges. poet. Werke von Ludwig August Frankl 1. Band.
Wien, Pest, Leipzig . A. Hartleben's Verlag. 1880.
7/1 Wie Sie sehen, ist F. kein Lenau, wenn dies Gedicht auch natürlich zu seinen
schwächeren gehört , u. R. war noch weniger als Dichter als F.
8/1 Heute früh kamen gleichzeitig Ihre beiden Briefe - am Sonntag wird ja
seit dem "Umsturz"- greuliches Wort! - nicht ausgetragen. Vielen Dank!
Ganz besonderen für den herrlichen Schleier, der hoffentlich jahrelang
halten wird! Die Marken werden sehr geschätzt! sorgfältig bewahrt.
Ihr Schilderung des Lebens in Ihrer "Klause" während der Feiertage
hat mich sehr angemutet. Unsere Bilder - wie merkwürdig! Von
Jane Austen habe ich vor Ihnen nie gehört oder gelesen - ist sie
wirklich so gut? Handschriften meines Mannes sind viele da,
doch meistens Bruchstücke unvollendeter Sachen, Gedichte. Ypern -
ich kenne ein liebes junges deutsches Mädchen , dessen Vetter =
Jugendgenosse = Zukunftsschwager spurlos bei Ypern ver=
schwunden ist - wie viele Thränen sind auch auf deutscher
Seite geweint, wie viele Schuldlose gefallen, wie viele Her-
zen gebrochen?! - "Eine Novelle u. ihre Quellen." Allg. Ztg. d.
Judentums . Berlin. Mosse. - Verehrter Herr Professor, das ganze
Vorwort zur 3. Auflage "V. Don z. D." lautet: Zur dritten Auflage.