Wien 15/6 22 Fronleichnam
Lieber, verehrter Herr Professor! Heute kam Ihr lb. Brief v. 11/6,
ich antworte gleich.
Was sich hier in den letzten Tagen an Preissteigerungen abspielt,
ist unbeschreiblich: Brot - das ist von der „Regierung“ festgesetzter
Preis - 1400. Alles Andere, wohl auch durch die Angstkäufe der
Bevölkerung hinaufgetrieben, dem entsprechend: 1 Kilo Kalb-
fleisch Ⅰ 10,tausend Kronen 1 K. Spinat 650 Kr. Fett 6000,
Butter 12000, Salz über 400 - dabei sind wir ein Salzland.
Die Arbeitslosen!! Die Landwirtschaft hat völligen Leute=
mangel, Dienstmädchen sind kaum zu haben, das
einfachste verlangt 15 t. Kronen. Der Herr Sozialdemo-
krat ... antwortet aber in offizieller Sitzung: „Man
kann doch von einer stell[en]losen Contorristin nicht
verlangen, daß sie als Hausgehilfin geht.“ Die „Mit=
telstandsfrau“ ist längst zum eigenen Dienstmäd=
chen geworden und der große Teil der heutigen
Contoristinnen sind - aus dem Dienstbotenstand
hervorgegangen. Die Nichtarbeit wird in diesem
Staat in jedem Sinne des Wortes unterstützt.
Nun zur rührenden Güte Ihrer Frau Gemahlin. Ich
versichere bei meinem Liebsten, daß ich für absehbare
Zeit Geld habe und bitte immer wieder, mir das Kapi-
tal für den Altersnotfall aufzuheben. Hoffentlich bekommt
Wilhelm einmal dieses für die alte „Ottimama“ bestimmte.
Ich verschwende wirklich keinen Gedanken an meine
persönliche Lage, habe, wie gesagt, keine pecuniären Sor=
gen. Ich lebe natürlich sehr einfach, habe aber gar kein
Gelü-
ste nach irgend etwas. Was mich bedrückt, liegt völlig
außerhalb meiner Person. Sagen Sie, bitte, Ihrer lieben,
lieben Gefährtin tausend Dank. Damit sie sieht, daß
ich ihr gegenüber nicht aus Stolz spreche, möchte sie
mich doch beschenken und zwar in Ihre Briefe, ohne
sie doppelt zu machen, denn das wäre, wie Ihr franc steht, große Unöconomie, ein paar Fäden Nähseide, Zwirn,
weißen Twist einlegen. Soie et fil à coudre noirs.
Ich würde mich schämen, in die Harmonie unserer
Korrespondenz eine Unaufrichtigkeit einzuschmuggeln:
Kampen ist mir eine große Enttäuschung. Es wäre für mich
Lieber, verehrter Herr Professor! Heute kam Ihr lb. Brief v. 11/6,
ich antworte gleich.
Was sich hier in den letzten Tagen an Preissteigerungen abspielt,
ist unbeschreiblich: Brot - das ist von der „Regierung“ festgesetzter
Preis - 1400. Alles Andere, wohl auch durch die Angstkäufe der
Bevölkerung hinaufgetrieben, dem entsprechend: 1 Kilo Kalb-
fleisch Ⅰ 10,tausend Kronen 1 K. Spinat 650 Kr. Fett 6000,
Butter 12000, Salz über 400 - dabei sind wir ein Salzland.
Die Arbeitslosen!! Die Landwirtschaft hat völligen Leute=
mangel, Dienstmädchen sind kaum zu haben, das
einfachste verlangt 15 t. Kronen. Der Herr Sozialdemo-
krat ... antwortet aber in offizieller Sitzung: „Man
kann doch von einer stell[en]losen Contorristin nicht
verlangen, daß sie als Hausgehilfin geht.“ Die „Mit=
telstandsfrau“ ist längst zum eigenen Dienstmäd=
chen geworden und der große Teil der heutigen
Contoristinnen sind - aus dem Dienstbotenstand
hervorgegangen. Die Nichtarbeit wird in diesem
Staat in jedem Sinne des Wortes unterstützt.
Nun zur rührenden Güte Ihrer Frau Gemahlin. Ich
versichere bei meinem Liebsten, daß ich für absehbare
Zeit Geld habe und bitte immer wieder, mir das Kapi-
tal für den Altersnotfall aufzuheben. Hoffentlich bekommt
Wilhelm einmal dieses für die alte „Ottimama“ bestimmte.
Ich verschwende wirklich keinen Gedanken an meine
persönliche Lage, habe, wie gesagt, keine pecuniären Sor=
gen. Ich lebe natürlich sehr einfach, habe aber gar kein
Gelü-
ste nach irgend etwas. Was mich bedrückt, liegt völlig
außerhalb meiner Person. Sagen Sie, bitte, Ihrer lieben,
lieben Gefährtin tausend Dank. Damit sie sieht, daß
ich ihr gegenüber nicht aus Stolz spreche, möchte sie
mich doch beschenken und zwar in Ihre Briefe, ohne
sie doppelt zu machen, denn das wäre, wie Ihr franc steht, große Unöconomie, ein paar Fäden Nähseide, Zwirn,
weißen Twist einlegen. Soie et fil à coudre noirs.
Ich würde mich schämen, in die Harmonie unserer
Korrespondenz eine Unaufrichtigkeit einzuschmuggeln:
Kampen ist mir eine große Enttäuschung. Es wäre für mich