Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 25.1.1923
Ich möchte noch wiederholen, denn sicher habe ich das schon geschrieben,
daß Sie mir nicht nur die Anregung meines jetzigen Lebens geben,
sondern mich auch in mein früheres, die Jahre mit meinem
Mann zurückgeführt haben, mir tausend Einzelheiten wie-
der durch Ihre Fragen und Bemerkungen vor Augen ge-
stellt haben. So ist Anfang und Ende meiner Gedanken
an Sie: Dank! - Schulze soll nun endlich morgen abgehen
& Weiteres möglichst rasch folgen. Gestern wurde mir
sogar eine schwache Aussicht auf Kompert eröffnet.
Ich habe nun soeben tel. mit einem Sortiment gesprochen, wel-
ches für die 2bändige Auswahl, die schöne große Ausgabe ist
vergriffen, 70 tausend Kronen verlangt! Das ist zu un=
sinnig! Ich werde direkt beim Verlag anfragen. -
Heute sprach ich eine Siebenundachtzigjährige, welche mit
ihren beiden Schwestern lebt - 80 & 83 - und für diese
da sie nicht mehr gehen können, Alles machen muß
„Meine Sachen habe ich verkauft” sagte sie, „nun auch
schon 2 Schränke - aber, wenn man so alt ist wie
ich!” Sie leidet sehr unter dem Zusammenleben mit
den Schwestern, die sie namenlos quälen; Lieber
Herr Professor, ist es nicht zum weinen?! - Denken
Sie durch einen Zufall habe ich Renan's Erinnerungen
in Leseaussicht, von denen Sie mir einmal so
warm gesprochen haben. Neulich kam mir „Bruges
la morte” von Rodenbach in die Hand, aus dem
Korngold seine Oper gemacht hat - es ist aber
nicht schön. Ich habe jetzt ein Abkommen mit ei-
ner Buchhandlung, die mir für ein Ex. „Juden
v. Barnow” neue Bücher borgt durch ein paar
Monate. Dann wird man weiter sehen. - Und nun zu
Ihrem Brief v. 28/1 - unserem 46. Hochzeits= meines Mannes 19. Todes-
tag -. Über Gustav Falke lege ich einen Artikel d. N. Fr. Pr. bei. Für
Ihren vorletzten Brief mit 5 francs & der schönen Marke nochmals
Dank. Wie schon gesagt: Aus d. 19. Jahrh. werde ich zu bekommen
versuchen. Wie Sie an Kompert ersehen, vergesse ich Ihre
Wünsche nicht, es ist aber eben nicht immer leicht. Der
Gladstone-Artikel ist sehr schön, das weiß ich. - Nordau's
Zionismus liegt mir ganz fern wie er es für K. E.
war. - Was Till betrifft, so muß ich nach Deutschland
schreiben. Den Costerschen Eulenspiegel habe ich gelesen.
Nochmals das leidige Geld: vom März ab werden zur
Miete ich glaube noch 100% zugeschlagen. Ich schließe
den Brief, damit Sie baldmöglich Nachricht haben.
Viele Grüße an die Eheliebste und Söhne wie Ihnen
selbst Ihre OF
[links:]
Was Sie aus dem Verzeichniß D. D. interessiert, schreibe ich gerne ab.
Kennen Sie Karl Becks Gedichte? Hans Hopfens?