Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. 18.12.1918
sie wäre die ideale Frau für ihn. Bei Wolffensteins bin ich
jede Woche wenigstens ein Mal Abds. nach d. Abendbrot, sie
waren mir gerade in diesen einsamen Kriegsjahren unendlich
viel. - Dann wäre Henny Mecota, die ihr kennt, zu nennen. Sie sehe
ich aber nicht so oft, weil sie entweder sehr in Anspruch ge-
nommen od. leidend ist. Ferner Dr. Meyerfeld, der mir sehr
anhänglich u. treu ist, Ernst Wolff, Maxens Assistent u. Beglei-
ter in Amerika, guter Musiker u. feiner, lieber Mensch. Dass
ich mit Ronas in den letzten Jahren in stetem, intimen Verkehr
bin, schrieb ich Euch. Lisbet steht mir gerade in diesen Monaten
treu zur Seite u. versucht, mir zu helfen. Wir haben noch manche
gute Freunde: Prof. Posners, die alte Frau Prof. Rodenberg,
die Wittwe von Julius Wolff, Lula Mysz-Gmeiner, Frau v. Bülow.
Viele sind tot oder fortgezogen. Man braucht ja jetzt nur
Wenige, ich war ja nie für Massenverkehr. Meine Nichte Marianne
die das letzte Jahr im Garnisonlazarett als Schwester u. so oft
sie frei war, bei mir war, ist jetzt nach Hause gegangen, hat sich
verlobt - leider mit einem Marinemann, der sich nun erst einen neuen
Beruf suchen muss. Freilich, welche Existenz ist denn jetzt sicher?
Über die allgemeinen Zustände kann ich heute nicht mehr schreiben.
Es ist Alles so widerlich u. grässlich. Eine Revolution, die keine
andern Ziele hat als Geld u. wieder Geld. An Stelle der bisherigen
verlogenen u. verbrecherischen Regierung eine neue, die gewiss
die besten Absichten hat, aber nicht die Kraft, die schlechten Ele-
mente in Schach zu halten. Ich bin mir ziemlich klar über das, was
schliesslich doch kommen wird. - Hat Papa Euch gesagt, was er
uns vorgeschlagen hat? Übersiedlung nach Wien wegen Ersparung der
Wohnungsmiethe u. Valutaverluste. Ist gleichbedeutend damit, dass Max
seine Lehrtätigkeit u. Laufbahn aufgiebt u. als Rentier von Papa's Gnaden
in Wien spazieren geht. Macht Ihr ihm doch klar, was für eine unmögliche
u. unwürdige Situation das wäre. In den Ferien werden wir so viel als mög-
lich in Wien sein - sobald man hinreisen kann. Die Lebensmittelverhältnis[se]
[quer am rechten Rand:]
scheinen freilich dort noch viel schlimmer zu sein als hier. - Nun genug für heute u. 1000 Gr.
[oben:]
von Eurer getreuen Alice