Friedländer, Alice: Brief an Elise und Helene Richter. 1.1.1919
arbeiten, da es dicht am Feinde war. So ist die Stelle, wo er
gestorben ist, sein Grab geworden. Man hat ein Kreuz mit Namen
und Datum darüber aufgerichtet und es beim Waffenstillstand
den Amerikanern übergeben. Es ist ja Alles so furchtbar,
aber nach der Schilderung des Mannes haben wir jetzt doch
die Beruhigung, dass er nicht an Tod u. Gefahr dachte, sondern
sich in der Hoffnung auf das baldige Kriegsende u. die greif-
bar nahe Ruhe hinter der Front des Lebens freute. Vor Allem,
dass er nicht gelitten hat, während er starb. An diesen Trost
klammere ich mich, wenn mir, wie so oft, die Kräfte versagen.
Franz ist rührend in seiner Liebe, er tut was er kann, um
mich zu stützen. Er selbst hat sich gleich in die Arbeit gestürzt,
über die er Euch wohl selbst schreibt. Gott gebe, dass er uns
gesund bleibt. Vielleicht noch nie ist ein Jahr mit so wenig
Hoffnungen begonnen worden wie dieses. Durch die dunkle
Wolke, die auf lastet, dringt kaum ein Lichtstrahl. -
Wie gern käme ich nach Wien ! Ich habe oft so Angst, dass
Papa etwas passiren könnte; in dem Alter ist doch jeder
Tag eine Gefahr. Aber jetzt ist ja eine Reise nach Wien über-
haupt ausgeschlossen. Man müsste über München-Salz-
burg, die Züge sind ungeheizt. So müssen wir bis zum
Frühjahr warten, vielleicht geht es Ende März. Ob es möglich
sein wird, bei den Eltern zu wohnen, bezweifle ich. Mit
Mama wochenlang von Früh bis Abds. beisammen zu sein,
scheint mir nicht durchführbar. Vorher hat sie ja immer
die besten Vorsätze, aber sie ist doch nicht normal und wür-
de uns