Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 17.11.1928
Lieber Freund!
Endlich erst einmal vielen herzlichen
Dank für die Nestroys. Ich hätte schon viel
eher ihre Ankunft bestätigt, aber erstens war
es so unverschämt kalt, dass man kaum einen
Satz hätte schreiben können ohne steife Finger zu kriegen,
und zweitens hatte ich kein Papier mehr. Und hier
oben dauert sowas immer eine Weile zu beschaffen.
Die Zauberspiele sind etwas begeisterndes. Du wirst
ja wahrscheinlich etliche aus Kraus-Vorlesungen
kennen. Ich hab' da mal den Lumpazi gehört.
Es gibt das so eine Menge Kostbarkeiten.
Wie z.B. die „Pyramiden der Verzauberung”, die
merkwürdigerweise niemals aufgeführt wur-
den, obwohl sie zweifellos viel sorgfältiger „kom-
poniert” und überhaupt repraesentativer sind,
als etwa die Reise in die Ritterzeit? Jene, die Pyr.
habe ich ganz und gar in mein Herz geschlossen.
Aber ich glaube schon, dass die gegenwärtige Bühne
weder mit diesen noch überhaupt mit Nestroy
etwas anfangen kann. Und wenn es ja einmal
ein Schauspieler trifft, ist's ein Glücks- und
jedenfalls Zufall. Denn der Nest. Witz und
das ganze Humor-Princip, wenn man so
sagen darf, ist durchaus verschieden von dem
des „deutschen Lustspiels seit Lessing” und
stellt an den Schauspieler ganz andere Anforde-
rungen, als er zu erfüllen gewohnt ist, weil er da -