Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 27.1.1932
Eine andere Sache hat mich die Zeit viel
beschäftigt, mit dem einzigen Resultat,
eine grosse Anzahl Gesichtspunkte festgestellt
zu haben. Es handelt sich um den „Timon”,
den ich in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung
und in der Bearbeitung von Kraus sehr
eifrig „studiert” habe. Das merkwürdige
ist nämlich, ich kann unmittelbar
zu dem Stück gar kein Verhältnis gewinnen,
o[d]er besser: kein einheitliches Verhältnis,
sondern schwanke zwischen einer Vielzahl
einander widersprechender Auffassungen,
sowohl von Scene zu Scene als auch von
einem Mal lesen zum andern, sodass
nur die gleiche Stelle bald diese, bald völlig
entgegensetzte Gefühle hervorruft. Timon
erscheint mir dann bald höchst un-
sympathisch, jämmerlich, dumm, hyste-
risch und voller kläglichen Ressentiments,
bald wirklich in einer einzigartigen Situa-
t[io]n, die Entlarvung des Normalmen-
schen-Schlags am eigenen Leibe zu erleiden,
ohne Kälte und Herzenshärtigkeit an
einem heissen und hingebungsvollen
Herzen zu messen. Da also die Unmittel-
barkeit - bei der Lektüre! Ein Interpret
Kraus etwa würde eine bestimmte Wir-
kung erzwingen - nichts hergibt als jene
und mehr Widersprüche, bleibt als
ultima ratio nichts übrig als eben diese.
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