Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 27.1.1932
Es ist also zu argumentieren: Ich kann in
einem Stück die Repraesentation eines
Einzelfalles suchen, dann setze ich die Iden-
tität seiner sämtlichen Elemente, ihres Ranges,
ihrer Ordnung, ihrer Erscheinungsform mit
„der Wirklichkeit” voraus; oder ich suche darin
das Gleichnis eines allgemein menschlichen
Konflikts, besser: die Concretion dieser Möglich-
keit schlechthin in einer bestimmten Situa-
tion, dann muss ich einräumen, dass [a]uf
Kosten der Identität mit „der Wirklichkeit” und
meiner Erkenntnisse von ihr, mit den
Elementen des Stückes so autonom verfahren
wird, wie es zur Herstellung der Conflikt-Situa-
tion erforderlich oder damit vereinbar ist.
Das ist eine Einteilungsweise, die sich zwar
kein Journalist und Kritiker mehr vor-
zubringen traute - zu simpel -, ich
will's aber damit versuchen. Zuvor ist
festzustellen, dass bei Sh. gerade in den
grossen Dramen Gleichnis und Einzel-
fall einander in hohem Grade decken,
gradezu für einander stehen - das eher
ist die Einzigartigkeit seiner Kunst. Dem-
entsprechend sind auch die Dramen, die
wir als besonders gleichnishaft anzusehen
gewohnt sind, Lear, Hamlet, Romeo usw.
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