Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 27.1.1932
psychologischer Primitivität handeln. Durchaus
nicht: In der Action kann sich die grösste
psychologische Mannigfaltigkeit und Proble-
matik entfalten und zu Wort kommen,
aber wesentlich ist, dass die Zusammen-
fassung der Einzelzüge zur Einheit des
Charakters und die Repraesentation
dieser Einheit dem Schauspieler über-
lassen bleiben. Das dichterische Interesse
ist nicht auf ihre Exemplificierung
gerichtet. Ich behaupte, dass die zeitgenössi-
schen Schauspieler für diese Gattung wenig
Eignung haben. Die Prominenten am wenigsten,
denn ihre Kunst besteht im Grunde doch
darin, mit mehr oder weniger tierischem
Ernst sich selbst zu repraesentieren. Wenn
Kortner den Richard III spielt, so ist's eben
der Kortner, der, wie interessant!, so [e]twas
verbrecherisches an sich hat; und wenn er
den Othello spielt, so ist's eben Kortner, der -
welche Überraschung!- auch so sanft sein
kann (nachher brichts freilich durch und
man erkennt ihn ganz). Sie sind entweder
Eden und oder Edgar - aber spielen
können sie keinen. Man könnt's als eine
Consequenz der zeitgenössischen Tatsachen-
Besessenheit auffassen, der Stofflichkeit
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