Gräf, Hans Gerhard: Brief an Otto Weissel. Weimar, 5.11.1918
doch gerade da leider die Kosten erst recht los, zumal wenn eine
Überführung auf so weite Strecke nötig wird. Immerhin halte ich ihn für
sehr wohlhabend; Riedi wird als ausgezeichnet tüchtige Ärztin
bald ihr gutes Auskommen haben, so daß ich wenigstens für möglich
halte, daß er sich entschließen könnte, für Hannchens künstlerische
Fortbildung etwas beizutragen, da dieß gewiß in Thildis Sinne
wäre. Die Sache ist zu delikat, als daß ich, als Vater, oder Hannchen,
als Freundin der Verstorbenen, damit an die Eltern herantreten
könnten. Sie werden das gewiß verstehen. Und es ist auch gewiß
nur die äußerste Not, die mich dazu treibt, mich Ihnen zu ent=
decken. Sie dürften erschrecken, wenn Sie hören, daß mein Gehalt
am Goethe=Archiv (ohne Pensionsberechtigung!) beim Alter von 54
Jahren, mit 2 Kindern, nur 3600 M. beträgt (bis 1. Januar 1918
nur M. 3200), dazu kommen 3000 M. als Herausgeber des
Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft. Das ist alles! denn mein kleines
Vermögen habe ich, als Idealist u. Optimist, in meiner Welt=
fremdheit geopfert, um in Ruhe mein großes Werk "Goethe
über seine Dichtungen" vollenden zu können, über das Hermann
Bahr ganz neuerdings in s. Buche "1917" sich in einer Art
äußert, die Sie, wie ich glaube, freuen wird. Doch genug
für heute. Ich fand bei meiner Heimkehr so viel Amtliches
zu erledigen, daß ich mir die Zeit zu diesem Brief nur habe
abstehlen können. Aber ich hielt ihn im Interesse meiner
armen Kinder für dringend nötig.
Ihr lebendiges Interesse für mein kleines Schicksal ist
mir überaus wohltätig; möchte es durch die vertraulichen
ehrlichen Bekenntnisse nicht vermindert werden.
Alles Gute Ihnen, den verehrten Ihrigen und
Ihrem schönen, gequälten Vaterlande!
In wahrer Ergebenheit
Ihr
H. G. Gräf.