Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 9.12.1916 - 13.12.1916
ich wußte, ohnehin schon mein Brief 10 Tage
lang auf Sie wartete. Am 29. erhielt ich endlich
Ihren lieben Brief v. Tr. ich konnte nun mei=
nen auch endlich abschicken. - Wissen Sie, was
ich mir da dachte? - „Wenn nur diesmal die
liebe Freundin nicht in meiner Tinte er=
trinkt! Kaum hat sie meinen gut abge=
legenen Br. recht ausgelesen, kommt
schon wieder ein noch längerer Br. über
sie! Wenn sie nur vollkommen erholt ist,
um auch das gut zu überstehen! Ich sollte
doch mehr Rücksicht auf sie nehmen, nicht gar
soviel schreiben, u. mit dem Absenden die=
ses letzten Br. hätte ich doch noch warten sollen.
Die arme, liebe liebe, geduldige, sanfte
Freundin!“ -
Und nun schreiben Sie in diesen lieben, rüh=
renden, ergreifenden, entzückenden
Briefen v. 30. 2. 3. 4. u. 6. von Ihrer Erregung
ja sogar Besorgnis, weil ich so gar nicht mehr
schreibe, von dem Aufrufe von She-Tom,
von dem Versagen des Wunderblüten=
duftes u.s.w. u. zwar schon 4 Tage nach=
dem Sie einen langen Br. in die Hand
bekommen! Ich verstand zuerst nicht, hielt
es für Scherz; da lief es mir aber plötzlich
kalt über den Rücken; so ergriff, er=
schütterte, durchbebte mich die Innerlich=
keit, Wahrheit, Kraft des Herzenstones,
so spricht nur Seele zur Seele! Herz zu Herz!
in warmem tiefem Empfinden! Diese 5 Fra=
gen, so sanft u. ernst u. unwiderstehlich bezwin=
gend! „Nein, nein!“ schreit Tom „kein Kürbis
in deinem Herzen, keine bange Sorge in
deiner Seele! Ja, ja, ja, ich ahne, ich fühle,
alles, alles!“ - Ach, diese nie geahnte Selig=
keit, mich Eins zu fühlen mit Ihnen! Wie
ich Sie anbete! -
Ich hatte nicht bedacht, daß der Br., den Sie hat=
ten, schon so alt war, u. der andere erst
nach 3 Tagen bei Ihnen sein werden. - Daß
ich, wenn ich 14 Tage von Ihnen nichts weiß,