Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 9.12.1916 - 13.12.1916
in tötliche Angst um Sie gerate, ist mir selbst=
verständlich. Daß aber Sie in dem gleichen
Falle ernstlich besorgt werden können um
den fernen Freund, war mir eine ganz
neue, unerwartete Offenbarung Ihrer
edlen Frauenseele. Nun sah ich klar in ein
Meer von Güte u. inniger Freundschaft.
Hatte ich früher daran gezweifelt? Nein,
aber Tom kann nie recht glauben, daß
wer um ihn bangt, glaubt es nur von
seiner Frau. Aber er bangt um Sie? Ja
natürlich, aber da ist das quite another
thing! Er übersah ganz, daß dieses Ban=
gen aus der reinen Seele stammt, die
vom q.a.th. nicht berührt wird. Vielleicht
sträubt er sich auch zu glauben, weil er
es nicht wünscht. Er kann doch nicht wün=
schen, daß Sie um ihn bangen, trauern.
Er wünscht nur, was Ihnen Freude
macht u. lieb ist. Dasselbe sagen aber
auch Sie mit anderen, ach, wie lieben Wor=
ten. Unsere Seelen empfinden also ganz
gleich. - Und da klagen Sie noch über das
„Ungenügend“, das lähmend auf Sie
wirkt! Können meine Worte je Sie so
rühren, durchschauern, wie Ihre mich?
Tom ist betrübt, daß er Ihnen Leid bereitet,
aber das Gefühl, dem Ihr Leid entsprang, be=
glückt ihn, u. die Worte, die ihm entström=
ten, entzücken ihn. Er denkt an jenen
edlen tropischen Baum, aus dem, wenn
er verletzt wird, der köstlichste Balsam
fließt. Muß ich Sie erst verletzen, um
Ihren innersten, edelsten Herzensbalsam
zu gewinnen? Kann ich Sie nie so erfreu=
en, beglücken, daß Ihr Herz auch so über=
strömte? Ist Leid mächtiger als Freude?
Über Ihren himmlischen Brief v. 30. vergesse ich
auf alles Andere. Auch daß es schon 2 U. früh ist.