Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 9.12.1916 - 13.12.1916
10.XII. Was Sie jetzt schreiben, schreibe ich Ihnen
wörtlich zurück: „Ihr letzter Brief ist mein
Lieblingsbrief. Immer wieder kehre ich zu ihm
zurück, freue mich all seiner lieben, guten
Worte etc. etc.“ - Aber über den ersten Bogen
v. 30. allein möchte ich noch 10 Bogen voll
schreiben u. schwärmen; so unbeschreiblich
tief ist seine Wirkung auf Ihren Tom!
Können Sie nach all dem noch traurig sein
über die geringe Wirkung Ihrer Worte auf
ihren Freund? Stundenlang habe ich versucht
mir vorzustellen, daß Sie diese wunder=
schönen, feierlichen Worte zu mir sprechen.
Die Wirkung wäre gewiß noch überwäl=
tigender. Aber alle diese Versuche sind ver=
geblich; ich kann Sie mir solches sprechend
nicht vorstellen, u. die Wirkung auf mich
natürlich noch weniger; wenn ich aber
Ihr liebes brünettes Bild zu Hilfe nehme,
schon gar nicht. Ich bin ganz traurig. Denn
alles, was ich Ihnen je geschrieben, kann
ich mir sehr leicht vorstellen, daß ich es
Ihnen auch sage, auf der lieben Bank
auf Viribus oder im Salon, oder wo im=
mer wir allein wären. - Können Sie
sich nicht auch leicht vorstellen, daß Sie
alle die lieben Worte v. 30 zu mir sprechen?
Tom's Triumph u. Jubel sind nicht zu be=
schreiben. Er hält sich nun in allem Ernst
für ein Genie. Seit die Welt besteht, hat
noch kein alter, lebensmüder Zweifler
desgleichen erreicht, auf durchaus ehr=
lichem, tadellos geradem sincerty-We=
ge. In der trostlos ödesten Verfassung
von Geist u. Herz (v. Tom) erscheint zufällig
zum Besuch eine Geheime Rätin.
Mit genialem Seherblick erkennt
er in ihr das holde Wunder seines Le=
bens, das allein sein welkes Herz