Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 9.12.1916 - 13.12.1916
bleiben, wenn das Geringste dazwischen
kommt, z. B. ein Brief zwei Tage zu lang
ausbleibt, oder gar Sie selbst ausbleiben,
wenn Sie mit S.E. kommen könnten, wie
beim Kaiserbesuch? Schon der Gedanke dar=
an erregt ihn fieberhaft. Armer Tom!
Wenn es Ihnen in seinem Herzen nur
nicht zu warm u. zu unruhig wird!
13. Über Ihr Debüt mit der Objektivität muß=
te ich herzlich lachen. Was gäbe ich, wenn
ich das Gesicht sehen könnte, das Sie gemacht
haben! Ich mußte vielleicht hundert ähnliche
Erfahrungen machen, bis ich so klug wurde,
wie Sie nach der ersten. Aber seit 10 Jahren
habe ich wieder von vorne angefangen,
d. h. nach oben und unten im Dienste, u. siehe
da, jetzt ging es. Und gar seit dem Krie=
ge ist rücksichtslose Objektivität mein
Wahlspruch u. meine Erfolge gegen höhe=
re Stellen haben mich selbst mit Stau=
nen erfüllt. Dagegen haben meine
Untergebenen für meine Obj., wenn
sie für dieselben nicht besonders schmei-
chelhaft ist, sehr wenig Verständnis. We=
nig Menschen vertragen sie. Ich kenne
die Grenzen meiner Obj. u. bin mir ge=
nau bewußt, daß sie nicht vollkommen
ist. Wenn ich aber sehe, daß sie bei allen
anderen, die ich kenne, noch viel unvoll=
kommener ist, was soll ich mir denken?
Oft habe ich mir gedacht, in welchem Gra=
de Sie, liebe Freundin, objektiv sind u.
Objektivität vertragen; denn weibliche
Obj. wäre mir etwas ganz Neues. Soll
ich eine Belastungsprobe wagen?
Ich meine, daß kein Mensch fehlerlos
ist. Wenn ich daher von jemand keinen
einzigen Fehler kenne, so schließe ich dar=
aus, daß ich diesen Menschen viel zu we=
nig kenne. Das gilt z. B. für Sie. Werde ich
je das Glück haben, Fehler von Ihnen kennen