Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 14.12.1916
Objektivität u. tiefem Empfinden in mir
wieder so ganz zusammenbrechen? Noch
in meinem letzten Brief war ich so stolz
auf Tom, der die Belastungsprobe von
zwei-Tage-Briefverspätung so treu u.
tapfer bestanden, u. unterließ mit
edler Schonung u. Delikatesse den ver=
lockenden Vergleich mit Ihrer Tom-Na=
tur, die trotz allen Wunderblütenduf=
tes so hartnäckig, tückisch u. gehässig ge=
gen mich u. unsere Freundschaft ihre Stim=
me erhoben hatte. Und nur wenige Tage
später?!
Das ist meine reuige Beichte in großen
Zügen. Ob Sie mich verstehen werden,
bezweifle ich. Das Fühlen Ihrer sanften,
harmonischen Natur ist so ganz anders,
als das des armen Tom, den nicht einmal
ich einer solchen Entgleisung für fähig
gehalten hätte. Aber ich habe mit der Beich=
te mein Gewissen entlastet. Einst schrieb
ich, daß ich eigentlich kein Gewissen habe.
Das gilt aber nicht Ihnen gegenüber.
Für Sie u. unsere Beziehungen habe ich ein
ideal empfindliches Gewissen. Ich fühle, daß
der kleinste Makel in der Erinnerung an
unsere Freundschaft für den Rest meines Le=
bens ein ewig lebendiger, bitterer Vorwurf wäre.