Siegfried Jacobsohn
Charlottenburg
Königsweg 33
12. 2.
1924
Lieber Herr Kraus,
ich weiß nicht, ob Sie sich daran noch
erinnern: als Sie das letzte oder vorletzte Mal in Berlin waren,
äußerten Sie Ihre Verwunderung, daß ich den Regisseur Viertel nicht
stärker „lobte“. Ich erwiderte, daß selbstverständlich die Stärke
meines Lobes genau der Stärke seiner Leistungen, nämlich wie ich
sie sähe, entspräche, und daß ich selber heftig wünschte, diese Leistun-
gen stärker loben zu können.
Mit eben dem Wunsch ging ich
an den Truppen-Leiter Viertel heran, der mir als Mensch und
Schriftsteller gleich lieb war. Der erste Abend, in den ich mich nach
viermonatigem Sommerschlaf frisch, genußsüchtig und zum Enthusi-
asmus bereit, hineinstürzte, war eine schwere Enttäuschung: eine
belanglose Kopie von Tairoff. Trotzdem war ich, wie sichs gehört,
gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger, den anfangenden
Theaterdirektor. „Das erste Gebot für ihn: sich wieder zu sich
selbst zu befreien.“
Der zweite Abend brachte keine Erfüllung dieses
Gebots. Ich blieb trotzdem öffentlich sehr maßvoll und steckte
nur das Ziel ab, „zu dem die Truppe noch einen ziemlich weiten
Weg“ habe. Bevor diese Kritik erschien, kam Viertel zu mir,
weil er, wie er sagte, „von Wildschweinen zu Tode gehetzt“
würde. Die Wildschweine waren Leute wie Heinz Saltenburg,
Reinhard Bruck und ähnliches Kaliber. Ich riet ihm, sich von
den Wildschweinen nicht zu Tode hetzen zu lassen. Nach den
ersten beiden Vorstellungen hätte ich den Eindruck, daß es gut
für ihn und für uns wäre, wenn er die Theaterpraxis aufgäbe
und zur Theatertheorie zurückkehrte. Ein hervorragender Schrift-
steller sei der Allgemeinheit nützlicher und nötiger als ein durch-
Charlottenburg
Königsweg 33
12. 2.
1924
Lieber Herr Kraus,
ich weiß nicht, ob Sie sich daran noch
erinnern: als Sie das letzte oder vorletzte Mal in Berlin waren,
äußerten Sie Ihre Verwunderung, daß ich den Regisseur Viertel nicht
stärker „lobte“. Ich erwiderte, daß selbstverständlich die Stärke
meines Lobes genau der Stärke seiner Leistungen, nämlich wie ich
sie sähe, entspräche, und daß ich selber heftig wünschte, diese Leistun-
gen stärker loben zu können.
Mit eben dem Wunsch ging ich
an den Truppen-Leiter Viertel heran, der mir als Mensch und
Schriftsteller gleich lieb war. Der erste Abend, in den ich mich nach
viermonatigem Sommerschlaf frisch, genußsüchtig und zum Enthusi-
asmus bereit, hineinstürzte, war eine schwere Enttäuschung: eine
belanglose Kopie von Tairoff. Trotzdem war ich, wie sichs gehört,
gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger, den anfangenden
Theaterdirektor. „Das erste Gebot für ihn: sich wieder zu sich
selbst zu befreien.“
Der zweite Abend brachte keine Erfüllung dieses
Gebots. Ich blieb trotzdem öffentlich sehr maßvoll und steckte
nur das Ziel ab, „zu dem die Truppe noch einen ziemlich weiten
Weg“ habe. Bevor diese Kritik erschien, kam Viertel zu mir,
weil er, wie er sagte, „von Wildschweinen zu Tode gehetzt“
würde. Die Wildschweine waren Leute wie Heinz Saltenburg,
Reinhard Bruck und ähnliches Kaliber. Ich riet ihm, sich von
den Wildschweinen nicht zu Tode hetzen zu lassen. Nach den
ersten beiden Vorstellungen hätte ich den Eindruck, daß es gut
für ihn und für uns wäre, wenn er die Theaterpraxis aufgäbe
und zur Theatertheorie zurückkehrte. Ein hervorragender Schrift-
steller sei der Allgemeinheit nützlicher und nötiger als ein durch-