Jaray, Karl: Brief an den Verlag Die Fackel. Wien, 30.12.1928
4.Januar 1929
Herrn Prof. Dr. Karl Jaray
Wien XIX.
Langackergasse 22
Hochverehrter Herr Professor!
Herr Karl Kraus dankt herzlichst für alle Beweise Ihrer
so freundlichen Gesinnung, er bittet aber die Akten zu der Sache
Arbeiter-Zeitung nur dann einzusenden, wenn der Sachverhalt über
die schon bekanntgewordene Weigerung, die Aktion zu unterstützen,
hinausgeht. So ungeheuerlich der Anwurf der Arbeiter-Zeitung wäre,
wenn er sich auf diese reinstem Antrieb entstammte Handlung bezöge,
so könnte die Weigerung als solche, da die Aktion nicht unmittelbar
den Kampf betraf, den die Sozialdemokratie angeblich selbst führt,
nicht auf eine Stufe gestellt werden mit der Totschweigung des Auf-
rufs von Fischer und Bunzl. Die Aktion war, da sie Stimmen für ein
Verbleiben aufrief, trotz ihrem edelsten und dankbar empfundenen
Beweggrund Herrn K. selbst nicht erwünscht als Kreuzung mit einer
Sache, in der es doch gegen ein Verbleiben geht, und als die Mög-
lichkeit eines Mißerfolgs in einem Gebiet, wo eben Quantitäten ge-
messen werden. Da einem Entschluß entgegengewirkt werden sollte,
der nur in der Unbeweglichkeit der hiesigen Dinge seine Wurzel hatte
und nicht in dem Vermissen der Sympathien der analog Empfindenden,
so wäre er doch nicht durch deren Vergewisserung umzustoßen und das
Sichtbarmachen des kleinen Anhangs der feindlichen Übermacht nur
willkommen gewesen. Auch der Arbeiter-Zeitung wäre die Möglichkeit
gelassen worden, dieses taktische Bedenken zugunsten eines Kampfes
vorzubringen, den sie als solchen im andern Fall glatt preisgegeben
hat. Wir möchten also bitten - schon mit Rücksicht auf die physische
Unmöglichkeit, alles was täglich von Freundes- wie Feindesseite
herankommt, zu verarbeiten, ja auch nur zu lesen -, mit einer Ein-
sendung nur dann freundlichst antworten zu wollen, wenn ein wichti-
ges sachliches Moment die damalige Haltung der Arbeiter-Zeitung von
einer andern als der schon bekannten Seite zeigt. Aus demselben Grund
bitten wir von Mitteilungen über die mit Ihrem Vortrag zusammenhän-
genden Dinge gütigst abzusehen. Diese Bitte erfolgt, mit aller Ver-
sicherung dankbarer Gefühle für Ihre Bemühungen und Beweise so rüh-
render Denkart, lediglich aus der Zwangslage heraus, den Dank für
jeden einzelnen dieser Akte doch zum Ausdruck bringen zu müssen und
es einfach aus physischen Gründen nicht zu können. Gerade an die
verstehendsten Freunde der Fackel müssen wir von Zeit zu Zeit die
Bitte richten: auch verstehen zu wollen, daß dieses Werk, das so gute
Gefühle geweckt hat, überhaupt nicht zustande kommen könnte, wollte
man aller an sich so begreiflichen Mitteilung dieser Gefühle mit
Dank, ja nur mit Empfänglichkeit gerecht werden. Wenn diese treuesten
Anhänger, die eben überzeugt sein müssen, daß der Herausgeber der
Fackel auch mit ihnen fühlt wie sie mit ihm, sich vorstellen könnten,
daß die halbe Arbeitsnacht - und für uns dann der halbe Arbeitstag -
aufgewendet wird zur Lesung, Verarbeitung und Beantwortung nur eines
Bruchteils dessen, was da an Beweisen rührender Menschlichkeit heran-
kommt, sie würden die Notwehr der Umschlagnotiz keineswegs als gegen