Bartsch, Rudolf Hans: Brief an ... Artaria. Baden, Wien, 14.4.1916
Unsre heutige Nummer umfaßt 100 Seiten
und enthält folgende Beilagen:
Die Fortsetzung des Romans "Der Schlüssel zur
Macht" von Georg Fröschel befindet sich auf Seite 36 vom
26. November.
Sport auf den Seiten 29 bis 34.
Literatur auf Seite 35.
Dr. v. Scherer
Feuilleton.
Wie meine Heimat einen
Künstler schuf.
Von Rudolf Hans Bartsch.
Im Schaufenster bei Artaria am Kohl=
markt sind jetzt kleine Radierungen ausgestellt,
die ich und viele Kenner mit mir reizend
finden; ja in Graz ist der neue Künstler eine
Berühmtheit geworden, und meine lieben
Landsleute, die für ihre Maler sonst nicht all=
zuviel Geld übrig haben, tun dem Namen
Scherer zuliebe die Taschen sogar in ihren
Kriegsnöten weit auf und kaufen.
Ueber den künstlerischen Wert dieser hüb=
schen kleinen Sachen werden bald Berufenere
als ich urteilen; ich wage nichts, als mein per=
sönliches Gefallen einzugestehen. Aber die
Geschichte, wie dieser Mann im gesetztesten
Landsturmalter endlich zum Künstler wurde,
der er innerlich sein Leben lang, in einer
geradezu hoffnungslosen Sehnsucht, war, diese
Geschichte ist zu reizend, als daß man sie nicht
erzählen sollte.
Ein Versicherungsbeamter, in dem der
heilige Funke glühte, sengte und zehrte: -
wohl an die dreißig Jahre lang! Wir nannten
ihn immer nur den Wehmutskünstler; denn er
getraute sich aktiv nie an die Kunst heran, der
er in täglich wiederholtem Lamento entsagte.
Mit einer bohrenden Beredsamkeit bewies er
uns, die wir ihm zehnmal versicherten: "Aber
du bist ja ein Künstler," daß er gerade gut
genug sei, um Kunst zu "leiden", um Sehnsucht
auszubluten. Aber ohne Griffel und Stift. Er
sei dazu verdammt, ein unerhörter Liebhaber zu
bleiben. Und gierig sah er zu, wie Luigi
Kasimirs märchenhaft leichte und geschickte
Hand über die Kupferplatten huschte, wie das
rote Metall seine Zauberlinien aus dem
Asphaltgrunde blitzen ließ, und die Probe=
drucke hielt er mit solcher Zerknirschung, mit so
jammervollem Gesichtsausdruck in Händen, daß
man sah: hier war eine todunglückliche
Liebe des Direktors der "Versicherungsgesell=
schaft so und so" zur Muse.
Heimlich zu Hause schloß er sich wohl ein
und zeichnete. Zeichnete schon vor einem
Vierteljahrhundert; anfangs betrüblich dilet=
tantenhaft, dann aufmerksamer und gewählter;
immer jedoch versteckte er diese Entgleisungen
aus bürgerlicher Bahn wie ein Verbrechen. Die
Landschaft kannte und liebte er bis zur Per=
version. Denn was uns andre immer noch
berauscht, ein Sonnenuntergang, ein brennend
roter Herbstwald, ein tollblauer See, das
mied er.
"Das ist Kitsch," sagte er; "wiewohl von
einem guten Meister." Dieses "guten Meisters",
unsres Herrgotts Werke, zogen ihn erst an,
wenn sie von einer Stimmung getränkt waren,
die sozusagen in Schwermut ersoff. Ein Zucker=
rübenfeld und eine Schlackenhalde bei Aller=
seelennebel, besonders wenn ein verlorener
Hund dazu heulte, das waren so seine Genüsse.
Und von der mährischen Gänseheide kam er
überhaupt nicht los; seelisch nicht und körperlich
nicht. Er saß und saß, alle Sommer, in Hödnitz
an der Thaya und zeichnete die lehmgelbe Trost=
losigkeit dieser Föhrenhügel, dieser erbarmungs=
würdigen Felderwellen, die man nur traurig
anstaunen kann darum, daß sie dennoch wagen,
Weinreben hervorzubringen. Uns besuchende
Freunde führte er dort herum und setzte uns die
Bohrwinde seiner Stimmungskonvulsionen
ans Bauchfell. "Da schau her, ist das nicht
gottvoll melancholisch?"
Er liebte diese verkrochene, ärmste, schüch=
ternste Landschaft und ihre Gottverlassenheit,
eben weil sie so, lehmgelb in lehmgelb, dahin=
trauert wie ein Diurnistenleben, mit einer In=
brunst, die uns bange machte. Luigi Kasimir
wallte damals alle Jahre nach dem Bozner
Boden, ich ins steirische Unterland; wir konnten
nicht genug Form, Farbe und Rausch haben!
Unser Wehmutskünstler, wenn er je in diony=
sische Stimmung geraten wäre - er wäre im=
stande gewesen, zu seinem Uebermutshymnus
den Text zu wählen: "Allerseelen, wonnigstes
der Feste!"
Aber einmal kam er mit einer Platte, mit
einer radierten Platte aus jener Gänsetrift voll
Schwermuten. Und er hatte was herausgekriegt,
Teufel ja! Man begann dieses China, dieses