Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 14.3.1919
Platze rühren. Sei also vernünftig, mein
gutes Lilerl u. füge Dich vorläufig in's
Unabänderliche! Jetzt kommt ja das Früh-
jahr. Da wird Dir alles freundlicher erschei-
nen. Habe Geduld! Heute braucht sie jeder
Mensch im hohen Maße, u. Du hast's wahr-
lich noch immer besser als tausend Andere.
Denk' Dir: ein Freund Dr. Schweeger's (der Neffe Mezler's
der die seit 5 Tagen an Grippe darniederliegende
Hilde behandelt), hat sich erhängt, weil er
ausziehen mußte u. in ganz Wien keine Woh-
nung für sich u. seine Familie finden konnte.
Wie muß man da über sein schützendes Dach
froh sein! Ja, es sind furchtbare Zeiten.
Man muß also tapfer sein. Sei unbesorgt wegen
meiner Gesundheit! Der Hals ist besser; nur
beim Essen tut er mir weh, wie wenn wildes Fleisch
drin wäre an einer Stelle. Der Arzt schaute hinein
u. verordnete nur Gurgeln mit Alaun u. Franz-
branntwein. Fieber habe ich nicht das geringste.
Marie wird Deine Aufträge pünktlich ausführen.
Sie lässt Dir die Hand küssen. Sie ist sehr brav
u. willig.- Nun noch über die letzten Tage Einiges:
Dienstag besuchte ich Fritsch'ens. Rena geht's recht schlecht
mit dem Herzen, sieht fahl aus; auch Ernstl ist immer
leidend. Sie kommen stets zu meinen Kammermusiken.
Abends mit der Culp, die meine Lieder singen wird u.
enorm liebenswürdig war, der Pianisten Gelbard (wird mei-
ne Klavierstücke öffentlich spielen u. kommt dieser
Tage zu mir), Ehepaar Weingartner, Dr. Ferrière, Frl. Mar-
berg etc bei Deri=Alten zu gutem Souper. Sonst
bin ich jetzt gar nicht geladen, da Niemand was
hat. Im Automobil nach Hause geführt worden.