Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 17.1.1919
anfragt, ob die Figur schon an mich ab-
geschickt worden ist. Was Deine Lebens-
mittelkarten betrifft, so habe ich sie nur des-
halb nicht abgeschickt, weil wir ja hier so
blutwenig darauf bekommen, dass wir
um jedes bischen Mehr froh sind. Wenn
Du aber willst, schicke ich sie ehestens,
allerdings mit Ausnahme der Brotkarte,
für die wir jetzt gar nur mehr die Hälfte
Brot kriegen, was für uns zu wenig ist
während Du ja ohnehin ein anderes Brot
gebacken erhältst. Kaffee bringe ich
Dir mit, wenn ich wieder komme. Die But-
ter von der Erna=Adresse nimm nur je-
denfalls! Je mehr Vorräte, desto besser!
Denk' Dir, das von den Straßgis' für Dich
besorgte Kraut ist - wie sie mir gestern
mitteilten - richtig schlecht geworden!
Habe ich's nicht vorausgesagt? Die 2 Sei-
fen, von denen eine für mich bestimmt
war (es sind sehr teure Seifen) behalte halt
Du allein, wenn Dir soviel daran liegt!
Ich habe allerdings für mich keine einzige
bessere Seife - aber was liegt daran?
Keine Idee, dass ich eine Weste aus Seide,
schwarz-weiß getupft, in Gmunden zurück-
gelassen habe. Die muß jemanden Anderem
gehören; vielleicht dem Herrn, der früher
in Deinem Zimmer wohnte. Ich habe nie
eine Weste [des] Vaters Lehner erhalten,