Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 17.1.1919
natürlich auch keine Hosen von ihm! Was
fällt Dir denn ein? Also beruhige Dich dar-
über! -
Nun noch Einiges über die letzten Tage seit meinem
vorletzten Briefe:
Dienstag den 14. war ich Abends zu einer großen
Künstler=Empfangssoiree bei Weingartner's geladen.
Es waren etwa 70 Personen, u. A. Tressler m. Frau, Devrient,
Lili Marberg, Karpath, Bella Alten m. Mann, Scheidl m. Frau,
Frau Elizza, Knepler, Th. u. St. Auspitz, Witwe Johann Strauß.
Es war für die 2 Schweizer Lebensmittelkommissionsfüh-
rer Oberst Frey u. Dr. Ferrière eine große lustige Produktion.
Knepler erheiterte in unübertrefflicher Weise alle mit
seinen humoristischen Vorträgen, rasierte, ahmte
Violinspieler nach, machte einen Schüler in einer Französisch=
Stunde, aß Kirschen, Ribisel, Pfirsiche u. machte a. Schabernack.
Der Telepath Paulsen verblüffte kolossal
durch sein Hypnotisieren der Pianistin Gelbard u. des
Herrn Jaray, die er völlig willenlos machte. Dann
gutes Buffet mit Wurst= u. Käsebrötchen, Bier, Wein, Him-
beersaft, Kuchen, Gugelhupf, Faschingkrapfen(!), Cigarren.
Auch getanzt wurde ein wenig. Man blieb bis nach
2 Uhr Nachts. Ich wurde wieder im Automobil nach
Hause gebracht (die Schweizer Herren stellten es zur
Verfügung). Wie hübsch, wenn Du das mitmachen hät-
test können! Denk' Dir: im großem Salon Weingart-
ner's fiel es mir auf, dass ein herrlicher Prunk=Glas-
lustre mit Kerzen hing. Er kam mir so bekannt vor.
Ich fragte Weingartner, wo er den gekauft hat, u. er sagte
mir, er habe ihn von Auspitzens zum Geschenk erhal-
ten. Es war also der - Paradeis=Lustre, den Auspitzen's
aus Mama's Nachlass gekauft hatten. Ich versank in
Träume. Welche Stimmung! Im Hause meines Jugendgenossen!