Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 2.5.1919
Kommunisten machen sich hier nicht
bemerkbar, wie Wien überhaupt merk-
würdig ruhig u. brav ist bisher im Ge-
gensatze zur Provinz.
Vorgestern fand im großen Saale des
Architekten= u. Ingenieur=Vereines (Eschen-
bachgasse 9) meine Rosegger=Dialekt=
Vorlesung statt, u. zwar mit glänzendem
Erfolg. Ich las besser als je, u. zw.
den ‚Ehstreit‘, ‚Noah”, „Dompfwog'n”, ‚Wix[e]rl‘,
„'s ausg'lie[c]hni Büachl”, „Brautprüfung”, „Steirer
vor der Himmelstür”, „vafluachta Kerl”, „Sau-
holta”, „fürsichtige Schoufholta”, Rumplbocher‘,
‚Regn'schirm‘. Es wurde viel gelacht u. ra-
send applaudirt. Zwar war es wegen des
ungünstigen Tages leider nicht ganz voll;
mir werden aber für den edlen Zweck
(Rosegger=Lehrer=Erholungsheim) doch
mehrere hundert bleiben - ich rechne
auf mindestens 500 Kr. Das ist mein
Grabkranz für den geliebten Rosegger.
Auf dem Vorlesetisch lagen Blumen
u. alle lobten mich sehr als „unüber-
trefflichen” Vorleser. U. A. waren auch drin:
Bittner, Knall mit Frau Johanna Neubauer,
Scheidls, Jüllig's, Straßgi's, Ihm's, die Schrutka,