Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 2.5.1919
die Gottinger. Dann war ich mit Ehepaar
Bittner u. Ehepaar Ferd. Löwe zum Souper
(G'selchtes mit Kraut u. Knödel) zur Alten
geladen, wo es sehr anregend war. Meine
Nerven sind besser als je; brauchst deshalb
keine Sorge zu haben. - Kalt ist's aber noch
immer, u. leider sollen bereits die Kirschen
erforen sein; zu allem Weltelend auch noch
dieses! Schalk hatte kürzlich eine Unterred[un]g
mit mir, da der ‚Evangelimann‘ bei den Mai-
festspielen hier ganz neu besetzt u. einstu-
diert wird. In 5 Tagen ist mein Kienzl=
Liederabend hier. Die Ulanowsky u. der Bary-
ton Ubl sind ganz wundervolle Sänger u.
singen meine Lieder herrlich. - Ganz Entzücken
bin ich über die Frau Bittner's, eine Vollblut=
natur als Mensch wie als Sängerin, ganz wie
ihr prächtiger Mann als Mensch u. Künstler. Diese
herrliche Mezzosopranstimme, dieser hochpoeti-
sche u. dabei ganz natürliche Vortrag. Mit dieser
Frau mache ich sicher meinen Kienzl=Liederabend
in der nächsten Saison. Sie u. ihr Mann schwärmen
für meine Lieder. Die Frau wird Dir gefallen!
Henny erhielt gestern von der Gemeinde Wien die
höchste Auszeichnung: die große goldene Salvator=
Medaille. Es interessirt Dich das vielleicht.
Nun hab' ich noch die Generalversammlung der Autorengesell-
schaft, die Einbekennung meines Vermögens wegen der Ver-
mögensabgabe u. meinen Liederabend. Dann fliege ich
zu Dir! Dann noch: Wohnung abmontiren, Kleider, Packen,
Gottinger=Don Quixote=Abend u. Dirigiren der 100. ‚Evangelimann‘=
Auffhrg. in Wien. Es umarmt Dich in Liebe Dein alter Wilhelm