Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 8.4.1919
Wien, 8. April 1919.
Mein liebes Kind!
Endlich eine ruhige Stunde nach sehr voll
gepflasterten Tagen! Deine beiden l. Briefe vom
26. u. 27. März haben mich recht verstimmt, nicht
nur weil ich daraus ersehe, dass Du, obwohl Du
es jetzt in vieler Hinsicht beneidenswert gut
hast u. auch von der Dir stets so lästigen Haus-
frauentätigkeit in dieser für Hausfrauen so mü-
hevollen Zeit, befreit bist, zeitweise leidest,
sondern auch weil Du mich durch ewiges Zu-
rückkommen auf dieselben Dinge, wenn auch
unabsichtlich, quälst! Ich habe Dir ja schon
oft u. oft mit aller Eindringlichkeit ausein-
andergesetzt, dass ich jetzt für einige Zeit noch
hier ganz unabkömmlich bin, da ich nicht
nur alle meine bereits längst eingeleiteten
Veranstaltungen) zu absolviren verpflichtet
bin, sondern auch wegen der Geldangelegenheiten, der Generalversammlung,
wegen der Kleider=, Schuh=Instandsetzung, der Klärung
der Landaufenthaltsmöglichkeit, der kurzen Gra-
zer Reise (wo ich auch mein Sparkassebüchel persön-
lich abheben will) u. s. w. nicht die Ruhe, ja nicht
einmal die Möglichkeit habe, sorglos in Gmunden
zu sitzen. Es ist nicht Lieblosigkeit, die mich von
――
) Ich versichere Dir, dass alles absolut nicht von Henny,
sondern nur von mir selbst in Angriff genommen worden ist.