Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 8.4.1919
der Reise zu Dir abhält. Glaub' das ein-
mal u. sei vernünftig! Quäle Dich u. mich nicht!
Die Zeit ist einmal sehr kompliziert; dazu
kommen noch unsere persönlichen Verhältnisse
u. Deine schwankende Gesundheit. Wenn Du
wieder ganz „beisammen” bist, wirst Du auch
gern wieder im herrlichen Wien sein, beson-
ders wenn die alten guten Verhältnisse wieder
hergestellt sind, die jetzt allmählich wieder
einzutreten beginnen: längere Fahrten
u. mehr Haltestellen, bessere Wagen der Elektri-
schen, Lift=Wiedereinführung, spätere Haustor=
sperre, Zufuhr von Lebensmittelwaggons aus
dem Auslande u. s. w. Ich persönlich fühle
mich ungemein wohl, gesundheitlich im hohen
Grade, arbeitsfreudig u. möchte nie mehr aus
der anregenden künstlerischen Atmosphäre
von Wien, wo mich alles schätzt u. achtet, fort.
Endlich der Boden, dessen ich u. meine Kunst
bedürfen. Die Verbreitung meiner Werke
wächst von Tag zu Tag; das muß ja auch Dich
freuen u. befriedigen! Nicht? Wenn Du mich
wirklich lieb hast, wie Du immer schreibst,
dann mußt Du bei mir in Wien bleiben u. Dich
in die neuen Verhältnisse finden. Sonst hast
Du mich eben nicht lieb! Verstehst Du denn
das nicht? Ich bin hier glücklich u. zufrie-
den, u. Du solltest es mit mir zu sein trach-
ten. Mach' mich doch nicht wahnsinnig u.
unglücklich mit Deinen derzeit unausführ-
baren Plänen! Diese Sorge vergällt mir