Kralik, Richard: Brief an Hermann Bahr. Wien, 17.4.1916
durchaus nicht beweisend ist. Von physiologischen Okkultisten
wird es einfach als persönlich eingekleidete Vorahnung erklärt werden,
die gar nichts anderes beweist, als daß die menschliche Natur,
ich sage absichtlich nicht Seele, die sehr einleuchtende Fähigkeit
hat, im Schlaf oder in der Extase die Schranken der Zeit und
des Raumes zu überschreiten. So wäre nicht einmal die
persönliche Unsterblichkeit damit bewiesen, denn die Vorahnung
hat sich eben einfach verbildlicht in die Gestalt eines Toten.
Es kommen Beispiele vor, wo aus der Ferne in solchen Fällen
die Gestalt (vielleicht auch die Seele) der lebenden Mutter einen Sohn
warnt, so daß er sie hört und sieht und aussteigt, und sie
sieht ihn vielleicht auch in demselben Augenblick. Wenn
man aber vom Standpunkt der spiritistischen Anschauung
den Fall prüft, so wäre allerdings damit die persönliche
Unsterblichkeit bewiesen, oder wahrscheinlich gemacht aber
durchaus nicht die Existenz eines Gottes; denn die spiritisti
schen Systeme kennen nur Offenbarungen von Seelen, nicht
aber von Gott, den sie ganz ignorieren, entweder stillschweigend
oder ausdrücklich. Nehmen wir aber auch an, daß Ihr
Wunder die Existenz Gottes bewiese, so ist damit für den