Kralik, Richard: Brief an Hermann Bahr. Wien, 17.4.1916
Katholizismus gar nichts getan, denn nach kath. Anschauung
gilt es als Dogma, daß die Existenz Gottes durch die natürliche Ver-
nunft beweisbar ist, wie das Aristoteles, Cicero und andere Heiden
auch geglaubt haben. Es scheint mir also doch nötig, daß Sie
durch ein paar Sätze andeuten, daß dies Wunder irgendwie
mit größerer logischer Klarheit auf einen christlichen Gott und
auf die katholische Wahrheit schließen läßt. Man erwartet
weniger vom Experiment des Wunders, das als solches nicht poetisch
genug ist, sondern mehr von jenen poetischen Ideenassoziationen, die Sie
selber sonst, wie kein anderer schildern können. Aber eben darum
weil das Wunder selbst bei aller Kunst nicht zwingend katho-
lisch gedeutet werden kann, rate ich überhaupt, das spezifisch
Katholische in diesem Fall auch etwas abzudämpfen,
damit der kritische Verstand nicht die Inkongruenz
merkt und sich schon mit der Bekehrung des Monisten
begnügt. ― Ich habe gewiß in der Eile viel Dummes und
Überflüssiges gesagt, wie jeder Kritiker und Zensor. Das ist
Ihre Schuld, weil Sie mich in diese Lage versetzen. Ich tröste
mich damit, daß der Ärger über eine solche Zensur den Betroffenen
gewöhnlich doppelt produktiv macht. Wenigstens ich habe die Erfahrung.
Treulich Ihr Richard Kralik