Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. Wien, 17.11.1926
Ich gebe mich bei Staackmann keinerlei Hoffnungen hien,
ich hätte die Intervention des freundlichen Herrn Nirenstein
auch nicht in Anspruch genommen, wenn er mir nicht gesagt
hätte: „Dieser Roman sei etwas für Staackmann". Es weiß ja
sonst noch niemand den Inhalt des Buches als eben Nirenstein,
der sich für mich einsetzen wollte, eben bei Staackmann.
Aber was hilft alles Einsetzen, wenn das Absetzen der Bücher so
mühsam geworden ist. Obzwar ich mich bei Bong diesbezüglich nicht
beklagen kann, fühle ich doch, daß die Quartalsverrechnungen
aus diesem Jahre gegen früher weit zurück sind. Wenn man jung
ist, hofft es sich leicht, aber was soll ich, der Sechzigjährige, noch viel er=
hoffen? Ist doch mein Atelier auch fast ohne Betrieb, weil niemand
mehr Geld für Photos ausgeben kann und für Repräsentationsbilder
wahrlich kein Anlaß mehr Notwendigkeit ruft. Da muß man
mit dem Kummer gut Freund werden und sich bescheiden im Alter.
Daß Sie mir Ihr neues Buch „Kater Ypsilon“ mit so freundlichen
Gedenkworten geschickt haben, hat wieder einige Feiertagsstunden
in meine Einöde gebracht. Wie tief Sie da ins Gemüt greifen,
mit welch kristallhellen Worten Sie Leben schildern und Seelen=
not mildern, das ist Ihre so vornehme, feinfühlige Art, daß
man beim Lesen immer Ihre sinnenden Poetenaugen - (wie
ich sie in einem Aufsatz über Charakter und Wesen der Modelle in
der Kunst des malerischen Bildnisses („Camera“ Luzern) beschrieben -
habe,) - vor sich sieht. Dieses Spiegeln Ihrer inneren Werte trägt
Ihr Bild von Seite zu Seite Ihres herrlichen Buches und das erfreut
den Leser, der Sie kennt, der Sie liebt und auch versteht.
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für diese liebe Aufmerk=
samkeit, ich werde Ihr neues Buch wie die anderen hoch in Ehren
halten; mir ist, wenn ich darin nachlese, als wären Sie mir nahe.
Und das ist die große, tiefe Kunst, sich im Werke selbst zu geben,
was ja in „Brigitte“ und „Rositta“ im gleichen Maße zutrifft.
Seien Sie für alle Ihre Güte viele, viele Male bedankt und
empfangen Sie die herzlichsten Grüße Ihres
Sie verehrenden
H.C.Kosel.
Ende November erscheint mein sechstes Buch:
„Vittorias Vollendung“ (das letzte Lebensjahr Michelan=
gelos und dessen Nachwirkung auf einen Besonderen. Darf ich es Ihnen
schicken?