Kraus, Karl: Brief an Tomáš Masaryk. Wien, 23.8.1933
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kritischen Tätigkeit des Herrn Willy Haas mit den Inseraten-
geschäften seiner Zeitschrift hervorgeht,und deren Zusendung ich
veranlasse; es liegt hier einer der krassesten Fälle von Meinungs-
handel vor, die die deutsche Literatur aufzuweisen hat. Herr Willy
Haas wäre aber auch vermöge seiner literarischen Gegenwart, soweit
sie für das Problem einer Gesinnungsprobe vor dem Barbarentum in
Betracht kommt, durchaus jener Ehre unwürdig. Es ist allerdings
richtig, daß er durch den Umsturz seine nicht unbedenkliche
literarische Existenz in Deutschland eingebüßt hat. Dies geschah
aber insofern nicht ohne alle ethische Berechtigung, als er einen
jener Fälle vorstellt,wo der Versuch der Unterwerfung nichts ge-
nützt hat und die Anbiederung ohne den Erfolg geblieben ist, ein
Amt zu halten, das im Sinne der neuen Machthaber nicht verwalten
zu können bloß deren Schuld war. Denn er hat, wie nachweisbar,
noch in der Übergangszeit, die ihm eben noch als Zeit zum
Übergang erschien, den angestrengtesten Versuch gemacht, im Sinne
einer völkischen Orientierung der literarischen Welt, soweit er
sie vertrat, zu wirken, und die Gestalt des Herrn Papen als Prä-
zeptor der deutschen Gegenwart eingesetzt. Es wäre, wie Sie,
hochverehrter Herr Präsident, nunmehr nicht bezweifeln werden,
eine wohl unerträgliche Vorstellung, daß Schriftsteller wie die
Herren v.Ossietzky und Mühsam für ihre Überzeugung körperliche
Pein erdulden müssen, daß ein ehrenhafter Mann wie Franz Pfemfert,
dem eben noch die Rettung des nackten Lebens gelang, sich als
armer Photograph in der Tschechoslowakei durchbringen soll,
während Herr Willy Haas ebendaselbst als kultureller Faktor ein-
zieht, von der höchsten sittlichen Autorität des Landes und der