Wien, I. Februar 1925.
Hochverehrter Herr Hofrat!
Ich habe von Ihrem Vortrag über das „Christ=
lich=Germanische“ einen schönen Genuß gehabt, für
den ich Ihnen wiederholt danken möchte. Der geist=
volle Aufbau, die anregenden und bemerkenswerten
Einzelheiten des Inhalts und die erfreuende Gewandt=
heit des geübten Redners wirkten zusammen, um
den Zuhörer nicht nur vorübergehend zu fesseln, son=
dern ihn auch noch später in nachdenklicher Betrach=
tung festzuhalten. Mir fiel dabei unter anderem,
als ich der plumpen Witzelei eines jüdischen Journa=
listen über den „Heiden Goethe“ gedachte, die Sie an=
führten, ein Goethe=Wort ein, das wohl die
handgreiflichste Antwort für diesen Schwank gewe=
sen wäre. Am 7. April 1830 sprach es der alte
Herr, der damit gleichsam die Summe seines Lebens
aus seinen Beziehungen zum Christentum zog, zum
Kanzler v. Müller: „Sie wissen, wie ich das
Christentum achte, oder Sie wissen es vielleicht
auch nicht; wer ist denn noch heutzutage ein
Hochverehrter Herr Hofrat!
Ich habe von Ihrem Vortrag über das „Christ=
lich=Germanische“ einen schönen Genuß gehabt, für
den ich Ihnen wiederholt danken möchte. Der geist=
volle Aufbau, die anregenden und bemerkenswerten
Einzelheiten des Inhalts und die erfreuende Gewandt=
heit des geübten Redners wirkten zusammen, um
den Zuhörer nicht nur vorübergehend zu fesseln, son=
dern ihn auch noch später in nachdenklicher Betrach=
tung festzuhalten. Mir fiel dabei unter anderem,
als ich der plumpen Witzelei eines jüdischen Journa=
listen über den „Heiden Goethe“ gedachte, die Sie an=
führten, ein Goethe=Wort ein, das wohl die
handgreiflichste Antwort für diesen Schwank gewe=
sen wäre. Am 7. April 1830 sprach es der alte
Herr, der damit gleichsam die Summe seines Lebens
aus seinen Beziehungen zum Christentum zog, zum
Kanzler v. Müller: „Sie wissen, wie ich das
Christentum achte, oder Sie wissen es vielleicht
auch nicht; wer ist denn noch heutzutage ein