Madjera, Wolfgang: Brief an Max von Millenkovich-Morold. Wien, 1.2.1925
Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein
vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden
haltet.” Geradezu, als ob Goethe solche sachver=
ständige Leuchten, wie den Herrn von der Arbeiterzei=
tung oder Freien Presse, vorausgeahnt hätte! Zugleich
ein schöner Beleg für Ihre Ausführungen über die
persönliche Auffassung des Christentums, die eine Ei=
genart des Germanen ist.
Aber mein Nachgenießen Ihres Vortrages
führte mich auch noch zu anderen Betrachtungen.
Ich empfand, daß es - im Hinblick auf die
beschränkte Zeit war es ja nicht anders möglich - zu
früh abgebrochen wurde, ohne daß der Gegenstand
seinen richtigen Abschluß und jene Nutzanwendung
gefunden hätte, auf die es zuletzt eigentlich ankommt.
Der Vortrag gipfelte in einem flammenden
Aufruf, das „christlich=germanische Schönheitsideal”
hochzuhalten und die Ehrfurcht vor ihm auf Kinder und
Enkel zu verpflanzen. Er unterließ es aber, zu
fordern, daß diese Ehrfurcht durch Taten bewiesen
werden müsse; und er unterließ es, darauf hinzu=
weisen, wie gerade dieser tatkräftige Dienst am
christlich=germanischen Schönheitsideal bisher viel,
wo nicht alles, zu wünschen übrig lasse, und wie
es gerade darauf viel mehr, als auf die Angriffe