Madjera, Wolfgang: Brief an Max von Millenkovich-Morold. Wien, 1.2.1925
seiner Widersacher zurückzuführen sei, wenn
das Ideal aus dem Bewußtsein so sicher schwindet,
wenn Kunst und Leben ihm entfremdet werden, ja
wenn es zur Zielscheibe des Gespöttes wird.
Aber, freilich, dies wäre eigentlich wieder der
Gegenstand eines eigenen Vortrages, einer Fortse=
tzung des ersten, die wir uns vielleicht mit dem
Titel „Die praktische Verwirklichung des christlich=ger=
manischen Schönheitsideals” - oder allgemeiner: „des
Christlich=Germanischen” - später einmal erhoffen dürfen.
Das müßte allerdings nicht nur eine Feststellung
von Geboten, sondern auch eine Strafpredigt sein.
Denn, wenn irgend jemand, sind die Germanen
selbst schuld an dem Verfall ihres Ideals, weil sie
es nur im Munde führen, aber dort, wo sie es durch
Taten lebendig zu machen hätten, kläglich versagen.
Wenn sich das bei irgend einem deutschen
Stamm bewahrheitet, so gewiß nirgendwo gleich
auffallend und schmerzlich, wie bei uns in Österreich
und Wien.
Ein klassisches Beweisstück dafür sind die
„Erinnerungen eines Theaterdirektors”, die soeben
aus dem Nachlaß Müller=Guttenbrunns bei Staack=
mann erschienen sind. Gewiß hatte auch Müller=
Guttenbrunn, wie jeder andere, seine schwachen Sei=
ten. Aber, wenn man in seiner Darstellung von