Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 11.1.1922
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Katholiken und Protestanten wurden seitens der Kath. Kirche
unter der Bedingung, dß die Kinder katholisch würden, von
der prot. bedingungslos getraut. Heute trauen einzelne prot.
Pfarrer auch Juden mit Protestanten. Doch ist es fraglich,
ob diese Ehen nicht anfechtbar sind. Wie es in den "Nachfolge-
staaten" ist, weiß ich nicht.
Brief v. 3. Dez. 21. "Auch hier sind die Lebensmittel teuer". Wir
können nur rechnen, um das wievielfache etwas gestie-
gen ist und nicht in fremde Valuta umrechnen, denn
wir Kleinrentner haben doch eben nur unsere
Kronenzinsen wie einst: Ich nenne soweit sie
mir präsent sind die Artikel, die Sie anführen:
Milch, kaufe ich längst nicht, das letzte Mal, daß ich von
ihr hörte 200 Kronen der Liter. Weißbrot 210 Kronen
ein Wecken, manchmal zum Knödel machen, vielleicht? 30 Dekagramm. Eier 140
Kronen das Stück - jahrelang nicht mehr. Butter
/ausgeschlossen/ die letzte, die ich im Schaufenster sah,
3000, dreitausend, Kronen das Kilo, Kartoffel
100 Kronen (hundert) Fleisch 1500 Kronen das
Kilo Suppenfleisch, wird Sonntag gekauft, muß
wegen meiner Hausgenossen, Kohle wird per
Kilo verkauft, 50 Kronen das Kilo, Holz 32 Kronen
das Kilo. Ich habe vorige Woche im Auftrage 2 M. 44 Ctm.
Percaline für ein Damenhemd gekauft und dafür
6816 Kronen bezahlt. Eine Magd, bekommt als Min=
destgehalt 2500-3000 Kr. eine perfekte Köchin
8-10,000. Wein! Alle vier Wochen haben wir
für 6 Personen: Meine Schwester, mein Bruder, ich,
meines Bruders Magd, meine verheiratete, die
offiziell nicht mehr in meinen Diensten ist, auch kein
Gehalt bezieht, und deren Mann eine Waschfrau. Sie
hat den Anspruch auf 1/4 Liter Wein. Dieser, der
billigste, hat am vorigen Donnerstag 180 Kr.
gekostet. Handtücher schon vor Monaten einfache,