Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 11.1.1922
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Kleistausgabe nicht enthalten. An Heine's Briefe werde ich
mich nun machen. Ich lese aber jetzt furchtbar wenig. Es ist nicht
nur Mangel an Zeit, ist es aber kein Buch, das mich ganz zu
fesseln vermag, so zieht mich jede Tätigkeit, selbst Strümpfe
stopfen mehr von der grauen Welt weg und befriedigt
mich mehr. Die Briefe des jungen Börne an Henriette
Herz besitze und kenne ich. In Ihrer Gesamtausgabe kann
ich sie nicht finden ebenso wenig sie in der meinen
sind. Diese ist von 1832, stammt aus meinem Eltern=
haus, hat zahllose Bände, wunderbaren großen Druck
und dunkelgrüne Leineneinbände mit altmodi-
schem Golddruck. Die Briefe von H. Herz stehen Ihnen
natürlich leihweise gerne zur Verfügung. Bernstein
ist beim Buchbinder. Von Multatuli kenne ich Max Ha-
velaar, der in unserer Berliner Zeit dort großes Auf-
sehen erregt hat. Liliencrons und Freiligraths kenne
ich nicht. Fontanes an die Freunde liebe ich sehr, ziehe
sie denen an seine Familie vor, die für meinen
Geschmack vielerlei Indiskretes enthält. Zur ziemli-
chen Entrüstung meines lieben Freundes Geiger †,
der ja Literarhistoriker war, habe ich Briefe an mei=
nen Mann, in denen persönlich Intimes bekannt
wurde, vernichtet, z. B. von Georg Ebers. Menschentum
soll der Literatur vorangehen! Und nun komme
ich doch noch einmal auf Ihren Brief 3/12 zurück. Ge-
statten Sie mir zu sagen, wie unendlich ich Ihr Menschen-
tum bewundere, das für die jungen Philologen so
viel Zeit=, Kraft= und Geldopfer bringt. An anderer
Stelle sagen Sie, verehrter Herr Professor, daß sie wäh-
rend des Kriegs Gymnasialdirektor waren und
dann wieder an anderer, daß Sie auch heute noch
"Ihr Brot erwerben." Sicher verzeihen Sie mir, wenn
ich frage, was jetzt Ihre Stellung und Beschäftigung
sind. Meine Gedanken sind so viel bei Ihnen, daß
sie sich doch gerne ein ganzes Bild machen möchten
von Ihrem Tun und Sein. - Kennen Sie auch Fontane -
Lepel? Kennen Sie die verschiedenen Theodor Storm
Briefsammlungen, von denen "Briefe in die Heimat"
mit zu meinen liebsten Büchern gehört und Heyse -
Storm viel Interessantes enthält? Ich liebe Briefe
schon, meine Hauptliebe ist aber doch die Autobiographie.