Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 24.2.1924
Und nun mache ich den Carton am Nachmittag auf. Was liegt drin?
Die 6 wunderbaren, gebänderten und gesäumten Tücher! Eigentlich
etwas für die Occultisten! Zu denen gehöre ich aber nicht.
27/2. Heute gefunden:
„Straßburg 21. Oct. 1877. - Geehrtester Herr! Sie verlangen von mir
viel mehr als ich leisten kann. Es sind wenigstens 43 Jahre verflossen
seit ich G. B. zum letzten Mal gesehen habe und meine Erinne-
rungen aus jener Zeit sind ziemlich verblichen. So viel ich weiß
kam er 1831 (oder schon 1830?) zum ersten Male nach Strg und
wurde im Hause meiner Eltern als ein lieber Vetter aufgenommen.
Mein Vater und sein Großvater (Geh. Rath Reuß in Hofheim †
1834?) waren Brüder, eine Tochter des letztern, also B's Tante, war
in unserem Hause erzogen worden. Wir sahen ihn damals viel
bei uns; er wohnte - ich denke damals schon - in dem Hause des
Ph. Jägle, mit dessen Tochter er sich nachmals verlobte. Der
Universitätszwang nöthigte ihn Strg zu verlaßen u. nach
Giessen zu gehn wo er in demag. Umtriebe verwickelt
wurde u. 1833 kam er flüchtig hierher zurück. Wie lang
er aber blieb weiß ich nicht. Wir kamen weniger zusammen
als früher, mein Vater war todt und meine politischen
Ansichten waren nicht die seinigen. Ich kann nur sagen,
daß er sich hier ernstlich den naturhistorischen Studien
widmete, da er an der Medizin um derentwillen er
eigentl. hierher gekommen war keine Freude mehr hatte.
Ich glaube mich zu erinnern, daß er eine Dissert. über
einen einschl. Gegenstand hier drucken ließ. Von belletristi-
schen Arbeiten bekamen wir hier nichts zu sehen, wenigstens
ich nicht. Während seines ersten Aufenthaltes verkehrte er
viel in jüngeren theologischen Kreisen und war nahe
befreundet mit den noch lebenden Brüdern August und
Ad. Stoeber, die beide als Dichter sich bekannt gemacht
haben. Er fand sich da, wegen des noch lebenden deutschen
Wesens heimischer als unter seinen medicinischen Mitschülern
bei denen das Französische vorherrschte. Während seines 2. Auf-
enthalts glaube ich kaum daß er Gesellschaft suchte; seine frühe-
ren Bekannten waren abgegangen. - Übrigens hat man
hier allgemein die unverantwortliche Indiscretion bedauert
u. mißbilligt mit welchen seine stillen und heiligen Herzens-
angelegenheiten vor das Publikum gebracht worden sind
ohne daß man zuvor die zunächst (und wahrhaftig allein) bethei-
ligte Person um Erlaubniß gefragt hätte. Selbst dem Nach-
wehen eines H. v. Göthe hätte es nichts geschadet wenn man
die Interiora senior Korrespondenz unterdrückt gelassen hätte,
und Büchner war kein Göthe, wohl aber ein lieber bescheidener
Junge der sich sicher dieses prätentiöse Aufputzen seiner Person
verboten hätte. Hätte er länger gelebt, so wäre sicher ein tüchti-
ger Mann u. Gelehrter aus ihm geworden, u. daß man ihn im guten
Andenken behalten ist nur billig. Aber ein Wiederabdruck der
Briefe, die er an seine noch lebende, unverheirathet gebliebene
Braut geschrieben hat, u. wozu sie nie ihr Imprimatur gegeben
hat, ist eine Industrie für die ich keinen Namen habe.
Weiter habe ich nichts zu sagen
Ihr ergebenster
Ed. Reuß.