Franzos, Ottilie: Brief an Julius Pée. Wien, 26.5.1923
Es tut mir so leid, daß Sie sich die Mühe gemacht haben aus
dem humoristischen Hausschatz abzuschreiben. Ich besitze den Band.
Die Daten haben wohl die Autoren selbst gegeben. Ich glau-
be aber nicht, daß der Neunjährige überangestrengt
wurde; in der Klosterschule sicher nicht und vom Vater, der
diesen Jüngsten unendlich liebte, sicher auch nicht.
Die Schulze=Artikel sind nun wohl in Ihrem Besitz. Sollen
wir Frau G. nicht noch 5 francs senden? Sie haben ja
nun, lieber Herr Professor, das Verzeichniß der Schul-
ze-Artikel in der D. D. Wollen Sie die, von Frau G.
nicht gesandten in Abschrift? U. A. w. g. Ich brauche
wohl nicht nochmals zu bitten, daß des nicht ver-
öffentlichten Schulzebuchs keine Erwähnung geschieht.
Die 3 Publikationen aus dem XIX. Jahrh. werde
ich Ihnen eventuell aus meinem Besitz leihweise
senden. Vielleicht kann ich mir aber das interes-
santeste: Grün - Frankl vom Hofrat v. Frankl für
Sie kaufen.- Wann dieser Brief in Ihre Hände gelan-
gen wird, wenn in Belgien Generalstrike ist?
Für Hemden tausend Dank, damit bin ich noch gut
versorgt.
27/5 Soeben fällt mir ein, daß ich
wegen der 2 an den Sohn, Präsi-
dent Ring in Berlin, einen alten Freund von mir, schreiben kann.
Marken: Bitte um umgehende Antwort, auch dann zwei-
felhaft, ob etwas zu haben sein wird.
Ich lese augenblicklich: Erinnerungen von Fritz Mauthner.
Ich glaube, dies müsste Sie auch als Schulmann und
Germanist sehr interessieren. Vorher las ich einen
uralten Roman, der seinerzeit ungeheures Aufse=
hen erregt hat: Europäisches Sklavenleben von Hack-
länder. Ich habe den Eindruck, daß er von „Onkel
Tom's Hütte” inspiriert war. Ich glaube, wenn
man die 5 Bände zu zweien umarbeiten würde,
daß er immer noch ein Publikum fände. Mo-
mentan habe ich auch desselben Autors: Geheim=
niß einer Stadt = Peter v. Boor!!! Unendlich schwach und ver-
wässert. 27/5 Schlüsselromane sind ja immer mißlich. Nur die Vorrede, die
eine Widmung an den Verleger ist, hat mich sehr entzückt. 25 Jahre eines
ungetrübten Verhältnisses, ob geschäftlich, ob freundschaftlich, ob fa-
miliär ist etwas so ungeheuer seltenes! - Hackländer, auch er ein
Beweis dafür, daß Belletristik kurzes Leben hat. Sein Name wird
bleiben in der deutschen Literatur. - Um auf Fritz Mauthner zurück-