Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 10.4.1930
Streckvers Jean P.s. anlangt, so findet sich eine Theorie desselben
in einem Roman P.s, ich weiss nur im Augenblick nicht in
welchem. Wenn ich sie recht verstanden habe, wehrt sich darin
Jean Paul gegen die „Objectivation” durch die Form, d. h. der
Streckvers soll dadurch als „unmittelbarer” Ausdruck wirken ,
dass er dem Ausdrückenden (die Person) verbunden also gleichsam
in statu nascendi verbleibt. Der Inhalt der P.schen Streckverse
ist dagegen vorwiegend impression seltener Aussage, gemäss
der starken Gefühlsbetonung der romantik. Was die Diction
Deiner Texte zunächst formal von den P.schen Streckversen
unterscheidet, ist der Umstand, dass diese letzteren doch wieder
eine gewisse selbständig-formale Praetention zeigen im Wortbild,
Rythmus u. degl., während Deine Texte, wenn man diese über-
flüssige Untersuchung anstellen wollte, allmöglichen Ausdrucks-
kategorien enthalten und ohne Störung enthalten können,
weil sie ja bestimmt sind, erst mit der Musik zusammen ein
formales Ganze zu bilden. Deshalb ist es völlig unsinnig, sie
überhaupt (formal) mit rein Sprachlichen Erzeugnissen
zu vergleichen. Dem Inhalte nach sind sie eben Aussage, höchst
persönliche Aussage auch dort, wo sie scheinbar nur Impression
enthalten, wie in „Heisser Tag..” (welcher mir übrigens sehr
zu Herzen ging).
Eben habe ich auch Deinen Brief erhalten. Du siehst, ich
habe bereits Gebrauch gemacht.
Sehr freut es mich, dass Du so lebhaftes Interesse an mei -
nem Romanversuch nimmst. Ich sehe aber, dass meine
Andeutungen doch sehr missverständlich waren. Es ist eben doch
sehr schwierig in diesem Stadium pragmatische Auskunft