Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 17.11.1928
Accents beobachten. Und das wird im Falle
Nestroy von Bedeutung sein. Denn, allgemein,
das Gefühl der Überlegenheit kann sich auf den
Anlass der Komik als ihren Gegenstand beziehen oder
aber der Anlass ist nur das Mittel durch das Über-
legenheit auf ein Drittes erstreckt wird; und dieses
Verhältnis besteht in der Satire. Ich lache dann
nicht über den Clown und Spassmacher
sondern seine Komik trifft vielleicht mich
selbst oder z. B. den Philister. Ich könnte auch
über den Philister als geschlossenen Charakter
selbst lachen, indem die objectiven Bedingungen
der Komik durch Elemente erfüllt werden, die
an sich in dem Charakter gelegen sind;
sie könnten aber auch dadurch erfüllt sein, dass
aus einer ein[z]igen Figur Philister und Autor
oder Darsteller selbst spricht. Im ersteren Falle
ist die komische Figur psychologisch
und wirklicher Charakter (als psychologische
Einheit), im zweiten ist diese Einheit gebrochen;
sodass man folgerichtig Nestroy zum Vorwurf
gemacht hat, er könne keine wahren Chara-
ktere zeichnen, weil man nach dem allgemein
literarischen Princip des deutschen Lustspiels
die psychologische Wahrheit an erster Stelle glaubt
fordern zu müssen. Die Lacher hat
Nestroy immer auf seiner Seite gehabt, nur
die Literarhistorik als Hüterin der klassischen