Goering, Gerd Hans: Brief an Ernst Krenek. o.O., 4.2.1932
trifft: „23”, der Paragraph des öst. Pr. Ges., welcher
lautet: .... Berichtigen also soll unser Metier
sein, aufklären, schiefe, verschobene, gefalschte Per-
spektiven zurechtrücken ...
Ich bin ins Phantasieren gekommen. Aber was ist
das für ein Unfug: Im Programm die Reinigung
des Wiener Musiklebens versprechen und in einer
Fussnote erzählen, der Wiener Fall Korngold wäre
viel umfangreicher und gravierender aber es würde
im „Rahmen dieser Zeitschrift” seine restlose Darstellung
nicht möglich sein. Was zum Kuckuck will diese
Zeitschrift eigentlich? Das ist doch ihr Thema: Der
Fall Korngold, dessen restlose Darstellung ohne
dies den ganzen Wiener Musik-Schwindel sichtbar machen
würde! Aber dazu gehört polemische Leidenschaft,
Mut, Entschlossenheit, Sachkenntnis und vor
allem mehr Mühe als zu gelegentlichen Rand-
bemerkungen, die der Fackel nachgeschrieben sind.
Es ist immer wieder die bedauerliche Verkennung des
Sachverhaltes, der Kraus' Wirksamkeit in Wahrheit un-
nachahmlich macht: dass sein Werk darin besteht, die
Zeit mit seiner Persönlichkeit zu confrontieren. Und
es ist einzigartig, in so eminentem Sinne und Masse
Persönlichkeit, „Geist”, zu sein, dass die Confrontation
immer wieder die Nichtnutzigkeit, Niedertracht
und Geistlosigkeit der Zeit offenbart. Aber wenn ein andrer
sich auch formal des gleichen Verfahrens und der gleichen