Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. Pola, 20.10.1916
nicht zu huldigen, mit Geist, Herz, u.
Seele. Kann von Freiheit noch die Rede
sein, wenn man so ganz huldigt? Von
Ruhe, wenn Gedanken u. Wünsche
sich fort u. fort regen u. alle immer
zu Einem Punkt hingezogen werden,
den sie nie erreichen können? Diese
Unfreiheit u. Unruhe, sind sie mir eine
Last oder ein Glück? Der kürbisgroße
Stein, den ich immer in der Brust spüre,
ist gewiß eine Last; möchte ich ihn aber
missen, wegoperieren lassen? Auf kei=
nen Fall, dann wären ja auch Sie weg,
das Schönste, Beste in mir! Und Glück?
Wenn Befriedigung aller Wünsche,
also Wunschlosigkeit, Glück ist, dann
danke ich für das Glück; lieber ist mir
da mein wehmütiges Wünschen u.
Sehnen, Wehmut ist des Lebens Kern.
Anderst liegt die Sache bei Ihnen. Was
bei Tom ein lange überwundener Stand
punkt ist, das ventilieren Sie jetzt erst:
die Frage der Freiheit. Noch fühlen Sie
sich frei. Wenn Sie an meine loyale
sincerity glauben, so kann ich Ihnen nur
sagen: „Bleiben Sie sich selbst treu u.
folgen Sie der inneren Stimme, die
Ihnen sagt: Hüte deine Freiheit, deine
Ruhe; lasse kein Gefühl aufkommen,
das deine Ruhe u. die Harmonie deiner
Seele stört, (-Tom: „Une paisible indiffé=
rence est la plus sage des vertus. Ha, ha,
ha!“-) das dich auch noch so wenig von
dem entfernt, mit dem du durch das
ganze Leben gehst; mit ihm ist dein
Weg. Verjage auch alle Gedanken, die