Haus, Anton von: Brief an Lucia von Fries-Skene. o.O., 21.9.1916 - 23.9.1916
daß ich es noch als ein Glück für Sie betrach=
ten konnte, gegenüber dem vielleicht le=
benslänglichen Elend, das so viele Frauen
trifft, die zu spät erkennen. Die Freude
über das, was Sie über das Verhältnis
zu Ihrem Gatten schrieben, war um=
so inniger, als dies vollkommen dem
Eindruck entsprach, den ich jedesmal bei
unserem Zusammensein gewonnen.
Ich freute mich für Sie, weil es neben Ge=
sundheit das Allerwichtigste für Sie ist, u.
für mich, weil die Bestätigung der Rich=
tigkeit meines Blickes mich in dem Glau=
ben an die Realität meines holden Wun=
ders bestärkte. Ich bin also doch nicht so
dumm, wenn ich auch gar keine Intuition
habe, dachte ich mir.
Nun schreiben Sie aber, vor wenigen
Jahren sei das bittere Weh gewesen, u.
der Gedanke, Sie hätten wegen Ihres Ideal=
bildes soviel u. lang (?) gelitten, ist mir be=
sonders schmerzlich. Nur eine edle Seele kann
wegen eines Unwürdigen in so tiefes Weh
versinken, wie nur eine besonders edle Seele
mit hohem Geist sich durch die Spinoza-Kur vom
Leid befreien kann u. durch Leiden gereift
u. geläutert wird. Meine Feder ist ein nicht
genug zartes Instrument, um an dieser
Wunde zu rühren, aber meine Enttäuschung
ist groß, daß an meinem holden Wunder nicht
allein Sonn' und froher Sinn, sondern auch Schmerz
u. Leid mitgewirkt haben. Meine Verehrung
u. Freundschaft werden nur noch wärmer u.
tiefer, aber über Ihre Lebensbejahung kenne
ich mich nun noch weniger aus. Dagegen
spricht jetzt, mit wissenden Augen gesehen,
Ihr Bild deutlich u. vertraut zu mir. Es ist,
als ob der Frohsinn nicht gleichmäßig über alle
Züge ausgebreitet wäre, weil beim Weinen