Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 1.4.1919
teuren Mama; ich ließ durch Frl. v. Griendl
Blumen besorgen u. auf's Grab legen]. Vmtgs.
kam ein mir von der Urania geschickter Bariton
zu mir, ein großer, schöner stattlicher Mann, Inge-
nieur seines Zeichens. Als er mir vorzusingen an-
fing, war ich baff: eine der herrlichsten, größten,
wohlgebildetsten Stimmen, die ich noch gehört;
dabei durchaus musikalisch, sang alles vom
Blatt. Ich erkannte sofort, dass da eine große
Zukunft vorhanden sei, was ich ihm auch
sagte. Wir machten viele meiner Lieder durch, von
denen er so begeistert war, dass er gar nicht
mehr weggehen wollte. Er wird am 6. April
einige davon singen, u. A. auch aus „Don Qui-
xote”. Natürlich wird er zur Oper gehen.
Nmtgs. war Frl. Hussa von der Volksoper) bei
mir, um mit mir meine Lieder für meine
nächste Kammermusik (die letzte) durchzu-
machen. Die Stimme klingt jetzt herrlich; sie
hat große Fortschritte gemacht u. ist bereits
an die Hofoper engagiert! - Dann ging ich
zu Hedding's, wo ich zur Tee=Jause blieb
u. ein paar Stunden (nach Langem) verplauderte.
Abends bei Jüllig's wurde ein neues Stück von Hans
betitelt „Passionsspiel” vorgelesen, voll
schöner, fruchtbarer Gedanken.
Samstag, 29. März kamen zur Probe für den Urania=
) In Zeitungen steht, dass Mader geht u. dass 3 Herren in
Betracht kommen für die Direktion: Simons, Kienzl u. Weingartner!