Kralik, Richard: Brief an Karl Seitz. Wien, 21.12.1927
von allen Seiten die unparteiische Objektivität der
Darstellung anerkannt. Denn mir gelten alle Wiener
Kulturepochen, alle Zeiten und Strömungen als histo-
risch gleichwertig, wie ich denn auch als guter Wiener und
Österreicher die Regierung der Stadt und des Staates als
solche rückhaltlos anerkenne, welcher Partei sie auch sein
mag. Allwien wird immer über den Parteien stehen.
Im weiteren Sinne aber wollte ich nicht nur
durch die der Geschichte Wiens speziell gewidmeten Werke,
sondern durch alle meine sonstigen Arbeiten zur Ehre der
Stadt beitragen, die seit jeher in der günstigen Lage war,
eine unvergleichliche hohe und glänzende Kultur, der
ganzen Welt zur Anerkennung, auszuwirken. In diesem Sinn
sollten alle meine weiteren historischen, philosophischen dich-
terischen, kulturellen Arbeiten zur Fortführung und
Ausgestaltung jener spezifisch wienerischen Kultur bewußt
beitragen; denn ich wollte alles, was uns klassische
Zeiten und klassische Völker an wertvollem Gute
geboten haben, zusammenfassen zu jenem Gesamt-
werk einer Hochkultur, wie sie anerkannter weise
vor allem hier in der Mitte der Nationen und der
Himmelsstriche, hier am gesegneten Kreuzungs punkte
aller Kulturwege möglich war. Indem ich immer
die Erkenntnis dieser ausgesuchten geopolitischen
Lage, dieser ausgesuchten Überlieferung aller
früheren Geschichte für die Gegenwart und
die Zukunft der Heimat nutzbar zu